"DER STANDARD"-Kommentar zu Missbrauch und Kirche: "Bluff im Namen des Herrn" von Markus Rohrhofer

Ausgae vom 11.3.2010

Wien (OTS) - Es ist ein durchaus kluger Schachzug. In Zeiten, in denen das Feuer am Kirchendach sich zum diözesanen Flächenbrand auszuweiten droht, braucht man eine knackige Ansage. Das löscht zumindest kurzfristig. In der jüngsten Ausgabe der erzbischöfliche Mitarbeiter-Postille beginnt Kardinal Schönborn Ursachen für die Missbrauchsfälle zu suchen und zu hinterfragen. Die Priesterausbildung, das, was in der 68er-Generation mit der "sexuellen Revolution" geschehen ist. Und, ja, den Zölibat. Das wird seine öffentliche Wirkung nicht verfehlen.
Aber wer jetzt glaubt, dass das Ende des zölibatären Wegs in Sicht ist, irrt. Keiner der Entscheidungsträger in der katholischen Kirche hat ein echtes Interesse an einem alternativen Weg wie etwa dem Einsatz "bewährter verheirateter Männer" (viri probati). Weder in Rom noch in Wien. Letztlich wird man wieder blind sein, wenn es darum geht, einen kausalen Zusammenhang zwischen einer zölibatären Lebensweise und sexuellem Missbrauch zu sehen. Nicht zu bestreiten ist, dass dieser auch in Familien, Schulen und selbst in Kirchen ohne Zölibatsgesetz vorkommt. Tatsache ist aber auch, dass es grob fahrlässig ist, wenn ein junger Mann seine Sexualität an der Pforte zum Priesterseminar abgeben muss. Für viele ist es der Auftakt zu einer völlig verkrampften und fehlgeleiteten Entwicklung, die sich im schlimmsten Fall in Perversion äußert. Das sollte die eigentliche Kardinals-Frage sein.

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