"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Kirche ist nicht entschuldigt" (Von GABRIELE STARCK)

Ausgabe vom 10. März 2010

Innsbruck (OTS) - Um Verbrechen an Schutzbefohlenen zu verhindern, ist neben der Kirche auch die Gesellschaft gefordert.

Wer glaubte oder glauben wollte, Österreich hätte das Thema Kirche und Missbrauch mit Groer und Co. schon vor Jahren überstanden, musste irren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis im Sog der Öffentlichwerdung immer neuer Skandale in Deutschland auch hierzulande wieder Fälle aus dem Dunkel des jahre- oft jahrzehntelangen Schweigens ans Tageslicht gelangen.

Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen ist nicht ausschließlich ein Phänomen der katholischen Kirche, gewiss. Er wird derzeit auch Pädagogen einer deutschen Eliteschule vorgeworfen, die keineswegs kirchlich ist. Abgesehen davon, dass sich Kindesmissbrauch durch alle Schichten der Gesellschaft zieht.

Eine Entschuldigung für die Kirche ist das aber nicht. Denn abseits der Täter und ihrer - frühen oder späten - Reue, ist es der Umgang mit Missbrauch, den man der Institution Kirche nach wie vor vorhalten muss: Weshalb wird ein Kirchenmann erst nach 40 Jahren aufgefordert, die Konsequenzen aus seinem Tun zu ziehen? Warum erfuhr eine Tiroler Pfarrgemeinde nicht, weshalb sie vor 30 Jahren plötzlich einen Priester aus einem anderen Bundesland bekam? Warum versucht die Kirche, Vergehen intern zu regeln, anstatt sie der weltlichen Gerichtsbarkeit zu übergeben? Entschuldigungen und Bekundungen, alles aufzuklären, kommen immer erst dann, wenn der Skandal schon öffentlich ist oder droht, es zu werden. Und eines ist gewiss: Es wird noch weitaus mehr Übergriffe gegeben haben und geben, als der Kirche lieb ist.

Gefordert ist deshalb auch die Gesellschaft. Sie wird ihre zum Teil noch weit verbreitete Autoritätshörigkeit - auch der Kirche gegenüber - hinterfragen und sich der Realität der menschlichen Fehlbarkeit stellen müssen. Und den Eltern wird nicht erspart bleiben, genau das ihren Kindern mitzugeben, wenn sie sie zur Erziehung in die Hände anderer geben - in welche auch immer.

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