"Kleine Zeitung" Kommentar: "Endlich raus aus dem Dornröschenschlaf" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 08.03.2010

Graz (OTS) - Brauchen wir 2010 noch einen Frauentag? Natürlich brauchen wir ihn. Und natürlich ist dieser Tag in gleicher Weise grotesk - wie Simone de Beauvoir bereits vor 40 Jahren über das "Jahr der Frau" ätzend meinte. Da gebe es vielleicht noch ein Jahr des Pferdes, des Meeres. Mit einem solchen Tag würde nur gezeigt, dass Frauen für Objekte gehalten werden, die es in dieser Männerwelt nicht wert seien, mehr als einen Tag lang ernst genommen zu werden.

Warum der heutige Tag dennoch nicht in der Mottenkiste versenkt werden sollte? Weil er ermöglicht, Defizite zu thematisieren. Oder Fragen, ob ein neuer Feminismus nötig ist, der Mutterschaft nicht mehr zum größten Hindernis frauenpolitischen Fortschritts erklärt, sondern für neue Strukturen kämpft. Für Strukturen, die Frausein mit Kind auch in einer Gesellschaft ermöglichen, die von der Logik der Arbeitswelt geprägt ist. Eine Logik, die im krassen Widerspruch zu Bedürfnissen von Kindern steht.

Am 8. März werden die Defizite zumindest gehört - und nicht als altbekanntes feministisches Wehklagen zur Seite geschoben. Wie der Skandal der ungleichen Bezahlung von Männern und Frauen, bei dem Österreich mit Estland und Tschechien um die Schlussposition konkurrenziert. Wie der Skandal, dass Frauen (und Väter) immer noch in vielen Orten während des Sommers zehn Wochen vor der verschlossenen Tür ihres Kindergartens stehen und sich sagen lassen müssen, es gebe ohnehin einen "Sommerkindergarten".

Wie sich Frauen sagen lassen müssen, dass die Gehaltsunterschiede keine geschlechtsspezifische Sache seien, sondern sich durch branchenunterschiedliche Kollektivverträge und dem Drang der Frauen in schlecht bezahlte Berufe erklären würden. Immerhin verdient ein männlicher Friseurlehrling nicht mehr als ein weiblicher. Dass Frauen wegen Karenzzeiten, prozentueller Gehaltserhöhungen, wegen Geringschätzung und damit schlechter Einstufung von Bildungs- und Pflegejobs zurückfallen, dürfte ebenso bekannt sein, wird aber mit Schulterzucken als gottgegeben ignoriert.

Nein, Analysen über die Situation der Frau sind keine mehr nötig. Es fehlt nicht die Analyse, es fehlt der politische Wille, Änderungen durchzusetzen. Aber woher soll dieser kommen? Freiwillig kommt er nicht. Was nötig wäre? Ein Ende des Dornröschenschlafs der Frauenbewegung. Nötig wäre eine neue, kraftvolle Frauenbewegung, die jenen auf die Füße steigt, die an den Hebeln der Macht sitzen - in Kollektivvertragsverhandlungen, Betrieben, Politik.****

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