"Die Presse" - Leitartikel: Dreht endlich diese Zukunftsmusik ab!, von Irene Zöch

Ausgabe vom 08.03.2010

Wien (OTS) - Wie lange kann es sich die globale Gesellschaft eigentlich noch leisten, auf ihr weibliches Potenzial zu verzichten?

Die Zukunft ist weiblich. Wie oft haben wir das mittlerweile schon gehört. Politiker werden nicht müde, bei jeder Gelegenheit diese Phrase zu dreschen. Und heute ist wieder einmal so eine Gelegenheit:
Am Internationalen Frauentag werden von Wien bis Washington Reden geschwungen; Männer diskutieren über sogenannte Frauenthemen. Einen ganzen Tag lang. Damit wollen sie Frauen Mut machen - oder sie doch nur vertrösten? Denn wenn es momentan schon nicht klappt mit politischer Partizipation, mit Bildung, Kind und Karriere, dann sicherlich in Zukunft. Irgendwann.
Frauenthemen sollten aber längst als Gesellschaftsfragen wahrgenommen werden, deren Lösung von Männern und Frauen in Angriff genommen werden müsste. Besonders deutlich wird das in Kriegszonen und Krisengebieten: Niemand ruft dort feministische Parolen. Und dennoch sind es die Frauen, die gerade in solchen extremen Situationen Extremes leisten müssen. Sie kämpfen oft ums nackte Überleben und versuchen dabei, den Alltag aufrechtzuerhalten.
Die Auswirkungen von Krieg und Terror spüren sie dann als Allererste am eigenen Leib - wie zum Beispiel in Afghanistan. Der Zugang zu Bildung ist für Frauen auch nach Ende der Taliban-Herrschaft noch immer Zukunftsmusik. 90 Prozent der erwachsenen Frauen sind Analphabeten, 60 Prozent der Mädchen im Volksschulalter können keinen Unterricht besuchen. Ungeachtet der afghanischen Verfassung, die eine Gleichstellung von Mann und Frau vorsieht, bestimmen Männer über das weibliche Schicksal. Wieso sollte man Mädchen in die Schule schicken, wenn sie sowieso jung verheiratet werden und sie sich dann um Haushalt, Mann und Kinder kümmern sollen?
Falsch wäre es, daraus den Schluss zu ziehen, dass Frauen nicht an Entscheidungsprozessen ihres Landes teilhaben wollen. Als vorigen November in Afghanistan ein neuer Präsident gewählt wurde, waren fast 40 Prozent der Neu- und Erstwähler weiblich. Gegen den Platzhirsch Hamid Karzai traten immerhin zwei Frauen an.

Auch im Irak haben Frauen bei den Parlamentswahlen, die am Sonntag abgehalten wurden, ihr Interesse bewiesen: Von den mehr als 6000 Kandidaten waren knapp 2000 weiblich. Im Parlament ist eine Frauenquote von 25 Prozent festgelegt. Damit werden in Bagdad mehr Frauen in der Politik mitmischen als in Malta, Irland oder in Italien. Politisch engagierte Frauen befürchten aber, dass diese Wahl ihre letzte Chance auf eine echte Beteiligung am politischen Prozess gewesen sein könnte, weil die Frauenquote bei der nächsten Wahl fallen soll. Wird das dann das Ende der Frauenstimmen in dem von Männern dominierten Chor sein?
Welche Macht die weibliche Stimme hat, wurde im Vorjahr in Teheran klar: Frauen haben bei den couragierten Protesten gegen das Regime eine tragende Rolle gespielt und waren in vorderster Reihe dabei -mutig, zielstrebig, rebellisch. Von der Revolte der Frauen war immer wieder die Rede. Die vor laufender Kamera getötete Neda verlieh der grünen Protestbewegung ein weibliches Gesicht. Dort, wo Zivilgesellschaften entstehen, sind Frauen maßgeblich beteiligt und nehmen Veränderung an der bestehenden Gesellschaft vor.

Trotz der Afghanistans dieser Welt: Bei Berufsausbildung und höheren Abschlüssen haben Frauen die Männer vielfach überholt. Das gilt nicht nur für den Westen, sondern auch für Asien, für den Nahen Osten. Auch dort finden sich an den Hochschulen mehr Frauen als Männer. Aber nur allzu oft übt eine Frau ihren Beruf nie aus. Eine arbeitende Ärztin oder Anwältin wird oft als Eingeständnis gewertet, dass der Mann nicht allein in der Lage sei, seine Familie zu ernähren.
Kann es sich eine globale Gesellschaft leisten, auf die Partizipation von mindestens 50 Prozent ihrer Mitglieder ganz einfach zu verzichten? (Sei's im Westen oder im Osten.) Wohl kaum. Dabei bleiben zu viele Ressourcen einfach ungenutzt, verpuffen zu viele Talente, geht zu viel Potenzial verloren. Ein Verzicht auf qualifizierte Frauen wird immer kostspieliger. Das kann doch nicht im Sinn einzelner Staaten sein. Zu viel steht auf dem Spiel: wirtschaftliche Stärke, Wettbewerbsfähigkeit, Fortschritt, Wohlstand.
Ist die Zukunft nun weiblich? Oder ist sie männlich? Wie wär's mit:
Die Zukunft ist gerecht, sie ist partnerschaftlich, geschlechtsneutral. Dann könnte das 21. Jahrhundert vielleicht doch noch zum Jahrhundert der wahren Gleichberechtigung werden. Ganz ohne Zukunftsmusik.

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