"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Angst der Kirche vor den Opfern" (Von Liane Pircher)

Ausgabe vom 7. März 2010

Innsbruck (OTS) - Zumindest Kardinal Schönborn findet die
richtigen Worte, trotzdem bleibt die Reaktion der Kirche beschämend.

Das Leid durch sexuellen Missbrauch verjährt nur strafrechtlich. Deshalb ist die Glaubwürdigkeit der Kirche zerstört.

Spät, aber doch scheinen die katholischen Bischöfe die schmerzliche Wirklichkeit nicht länger ignorieren zu wollen. Bei sexuellem Missbrauch werde man nicht mehr wegschauen, versprach Kardinal Christoph Schönborn zum Abschluss der Bischofskonferenz. Als vorbildhafter Schritt Richtung Offensive kann seine Aussage leider nicht gewertet werden. Dafür ist es zu spät. Zu viele Jahre hat die Kirche weggeschaut und die Täter statt der Opfer geschützt. Zu lange wurde die Taktik, verdächtige Pfarrer oder Erzieher einfach nur ein paar hundert Kilometer weiter weg in die nächste Pfarre, an die nächste Schule zu versetzen, gepflegt. Wenn die Kirche jetzt mit mehr Ehrlichkeit reagiert, dann nur, weil der öffentliche Druck zu stark wurde. Nahezu wöchentlich tauchen neue Beschuldigungen von sexuellem Missbrauch und/oder brutaler Züchtigung auf. Immer weniger Opfer schweigen. Längst kann nicht mehr "nur" von einzelnen schwarzen Schafen unter Repräsentanten der katholischen Kirche die Rede sein. Sexuelle Verfehlung kann als Nebenwirkung des streng hierarchischen Systems Kirche (und des Zölibats) nicht länger verleugnet werden. Auch wenn einzelne Vertreter auf peinliche Art versuchen, die "sexuelle Revolution" für Übergriffe mitverantwortlich zu machen.

Bis Juni soll ein neues Konzept zum Umgang der Kirche mit Missbrauch ausgearbeitet werden. Das müsste den Opfern nützen. Und potenzielle vermeiden. Rein theoretisch. Denn wie die Glaubenskongregation in Rom damit umgeht, bleibt offen.

Alles ändert nichts daran, dass die Kirche an Glaubwürdigkeit stark eingebüßt hat. Und das ist eine existenzielle Krise.

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