"Kleine Zeitung" Kommentar: "Endlich ein klares Wort zum Kindesmissbrauch" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 06.03.2010

Graz (OTS) - Wer sich erinnern kann, wie gewunden sich die
Kirche noch in den neunziger Jahren verteidigt hat, als Missbrauchsvorwürfe gegen den Wiener Erzbischof Groer bekannt wurden, der wird den klaren Ton von heute doppelt zu schätzen wissen. Was Kardinal Schönborn zum Abschluss der Bischofskonferenz gestern formulierte, war völlig unmissverständlich. Es war der Vorsatz, reinen Tisch zu machen und sei das auch noch so schmerzhaft.

"Leider wurden in der Vergangenheit zu Unrecht in der Kirche die Täter oft mehr geschützt als die Opfer", steht da. Eine schwere Selbstbezichtigung und ein guter Vorsatz: "Die Sorge um die Opfer muss an erster Stelle stehen."

Dass bei Missbrauchsvorwürfen nichts anderes zählt als die Wahrheit, mag in anderem Zusammenhang eine Binsenweisheit sein. Angesichts der unrühmlichen Vorgeschichte von Heimlichtuerei und Vertuschung ist der Satz wichtig und markiert einen Neuanfang.

Was die Bischöfe über die Ängste und Nöte von Missbrauchsopfern schreiben, verdeutlicht den Lernprozess, den der Fall Groer ausgelöst hat. "Es ist nur zu erahnen, wie viel Überwindung und Mut es braucht, die Erinnerung an erlittenen Missbrauch in Worte zu fassen." In den neunziger Jahren wurde die späte Veröffentlichung solcher Vorfälle noch gegen die Glaubwürdigkeit des Opfers ins Treffen geführt.

"Für solche Vorkommnisse kann es nur Reue, die Bitte um Vergebung und das Bemühen um Heilung der Wunden geben", schreiben die Bischöfe, und dem ist nichts hinzuzufügen. Dass eine Kommission bis zum Sommer klare Richtlinien ausarbeiten soll, die in ganz Österreich gelten werden, ist ein ebenso wichtiger Fortschritt wie die Einbindung der juridisch unabhängigen Männer- und Frauenorden in die Arbeit der Ombudsstellen, bei denen sich Opfer melden können.

Es müssen schwere Tage gewesen sein in St. Pölten. Aus Sorge, Kirchengegner könnten jede Selbstkritik als Bestätigung ihrer Ablehnung sehen, bringt die Kirche offene Worte lieber nur in homöopathischen Dosen zum Einsatz. Diese Scheu fehlt in dem neuen Dokument, und das ist erfrischend.

Nun hängt alles davon ab, wie die geplanten Vorhaben umgesetzt werden. Die öffentliche Debatte wird wieder abflauen und die Dringlichkeit scheinbar abnehmen. Die Kirche aber wird sich an dem gestern formulierten Anspruch messen lassen müssen. Sonst ist die nächste unliebsame Überraschung unvermeidlich. ****

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