WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wie Fußballspielen auf der schiefen Ebene - von Robert Lechner

Vom Reputationsproblem zum Finanzierungsproblem

Wien (OTS) - Der Stillstand bei vielen brisanten Anlageverfahren wird langsam zum Problem für den Kapitalmarkt. 2009 sei diesbezüglich ein Rückschritt gewesen, poltert Anlegerschützer Wilhelm Rasinger. Nun ist klar, das Interessenvertreter immer etwas übertreiben müssen, die Ansicht des IVA-Präsidenten birgt aber doch ein Körnchen Wahrheit. Österreich hat nach wie vor ein gravierendes Problem im Umgang mit der Kapitalmarktkultur. Nicht einmal eineinhalb Jahre ist es her, dass die Aktien der Immofinanz ihren historischen Tiefststand bei 28 Cent erreichten und auch eine Pleite der künstlich aufgeblähten Firma im Raum stand. Nur dem neuen Management ist es zu verdanken, dass sich der Kurs zumindest teilweise erholt hat. Welche Machenschaften aber letztlich gelaufen sind und was dabei strafrechtlich relevant gewesen sein könnte, bleibt im Dunkeln. Es werden wohl wieder zehn Jahre vergehen, bis die Lage einigermaßen klar ist. Nicht zu glauben? Doch. Im Fall Libro ist das Jahrzehnt schon fast voll, ohne einen einzigen für Anleger relevanten Prozesstermin. Gleichzeitig ist es möglich, dass ein kleines Bankhaus mit Geld, der Justiz Prügel zwischen die Beine wirft und damit erstaunliche Erfolge verbuchen kann. Zur Erinnerung: Der erste Meinl Bank-Gutachter in Sachen MEL ist abberufen und wurde mit einem hunderttausende Euro schweren Honorar nach Hause geschickt. Der aktuelle Staatsanwalt wiederum wird ständig diskreditiert, sodass am Ende doch noch ein pelziger Geschmack übrig bleiben könnte. Es ist in Ordnung, wenn jemand alle Mittel in einem Verfahren ausschöpft. Aber - und auch da hat Rasinger Recht - es ist wie Fußballspielen auf der schiefen Ebene. Einige Millionen Euro Beratungshonorar für die besten Anwälte des Landes reichen offenbar locker aus, um die österreichische Justiz teilweise alt aussehen zu lassen. Noch dazu fehlen schlagkräftige Instrumente wie die international üblichen Sammelklagen oder eine Enforcement-Stelle für den Kapitalmarkt, wo etwa in Deutschland Streitigkeiten oft auf dem kurzen Weg geklärt werden können, ohne Gerichte zu überlasten. Der Schaden, den diese Pattstellungen verursachen, ist derzeit weniger ein finanzielles Problem. Was leidet, ist das Vertrauen in den Finanzplatz. Angesichts dessen, was Banken und die Industrie in den kommenden Jahren an Eigenkapital aufbringen müssen, kann aus dem Reputationsproblem aber rasch ein Finanzierungsproblem werden.

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