TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" 5. März 2010, von Thomas Hörmann: "Auch ein Opfer des Rechtssystems"

Schon nach der Vergewaltigung im Sommer gab es Alarmzeichen für eine Wiederholung der Tat.

Innsbruck (OTS) - In der eigenen Wohnung vom Nachbarn aus dem
Schlaf gerissen, mit dem Umbringen bedroht und vergewaltigt: Man muss kein Psychologe sein, um sich die vielleicht lebenslangen Auswirkungen dieser Gewalttat auf das Befinden des Opfers vorstellen zu können. Umso bitterer dürfte es für die Innsbruckerin sein, dass sie auch Opfer des Systems wurde. Eines Rechtssystems, dem offenbar die Mittel fehlen, um einen mutmaßlichen Serienvergewaltiger rechtzeitig von der Gesellschaft fernzuhalten.
Der mutmaßliche Täter ist für Polizei und Justiz kein unbeschriebenes Blatt. Und das nicht erst seit der Vergewaltigung einer 57-Jährigen im Spätsommer 2009. Schon vorher ermittelten die Salzburger Behörden in zwei weiteren Missbrauchsfällen gegen den Verdächtigen. Erfolglos - ein Verfahren wurde eingestellt, das zweite endete mit einem Freispruch.
Jetzt beteuert die Staatsanwaltschaft, keine andere Möglichkeit gehabt zu haben, als den Mann nach der Vergewaltigung im Spätsommer auf freien Fuß zu setzen. Nach dem ergebnislosen Ende der Ermittlungen in Salzburg galt der Verdächtige als unbescholten, als mutmaßlicher Ersttäter - die Verhängung der Untersuchungshaft kam unter diesen Umständen nicht in Frage.
Wenn das so ist, wenn der Staatsanwalt keinen Ermessungsspielraum hat, dann hat das Rechtssystem Lücken. Lücken, die so schnell wie möglich zu schließen sind.
Es muss für die Staatsanwaltschaft möglich sein, nicht nur die kargen Fakten im blütenweißen Strafregisterauszug als Entscheidungsgrundlage heranzuziehen. Es muss möglich sein, die in diesem tragischen Fall durchaus vorhandenen Alarmzeichen entsprechend zu werten und die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Dann wäre der mutmaßliche Serienvergewaltiger bereits seit September hinter Gittern. Und die Innsbruckerin könnte weiterhin ruhig schlafen.

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