DER STANDARD-Kommentar "Wieso wir alt aussehen" von Fritz Neumann

"Österreichs Sport hat größere Probleme als eine Nullnummer der Herren Skifahrer" - Ausgabe 1.3.2010

wien (OTS) - Eine nationale Krise, ein nationales Drama, eine nationale Katastrophe gar. So wird, zumindest da und dort, der "Salto nullo" der Skifahrer bei den gestern beendeten Olympischen Spielen besungen. Tatsächlich dürfte die Nullnummer vielen Österreichern eher in Erinnerung bleiben als Medaillen im Rodeln, Skispringen, Biathlon, Kombinieren, Snowboarden, Skicross und Skifahren (Damen). Künftig wird oft von "Vancouver 2010" die Rede sein, so wie "Sarajewo 1984" wegen der einen Bronzenen des Abfahrers Anton Steiner ein geflügelter Begriff ist.
Der österreichische Hang zu Selbstmitleid und Selbstzerfleischung spielt dabei mit, vor allem aber hat der alpine Skisport hierzulande eine alles andere zudeckende Wichtigkeit erlangt. Diese eine Disziplin macht das Publikum glauben, das kleine Land könne in der großen Welt reüssieren. Dass zuletzt die Nachwuchspflege zu kurz kam, womit der Skiverband (ÖSV) in einigen Olympia-Rennen peinlicherweise nicht einmal konkurrenzfähig war, ist ein relativ kleines Problem. Es löst sich von selbst, wenn wieder Talente zum Zug kommen, denen nicht mehr jeder Platz verstellt, jede Chance verbaut ist.
Doch die Skifahrer und der ewige Jubel über Erfolge oder die ewigen Diskussionen über Niederlagen täuschen darüber hinweg, dass Österreich in vielen Sportarten praktisch nicht existiert. Dabei fahren die aktuellen Weltstars des Wintersports nicht mit zwei Brettern den Berg herunter, sondern springen mit einem Brett durch die Halfpipe wie Shaun White. Die Stars treten nicht im monotonen Eisschnelllauf, sondern im spektakulären Shorttrack an wie Apolo Anton Ohno. Sie rodeln nicht, sondern spielen Eishockey wie Sidney Crosby.
Halfpipe und Shorttrack sind Begriffe, mit denen bestimmende Kräfte im österreichischen Sport rein gar nichts anfangen. Im Winter ist alles auf den Skisport, im Sommer alles auf den Fußball konzentriert. Von Visionen keine Spur. Der eine Grund für den Stillstand: ORF und Kronen Zeitung sind Partner des Fußballbundes (ÖFB) und des ÖSV. So spielt dauernd dieselbe Leier. Während der ORF am Samstag zum x-ten Mal "Ursachenforschung" zum "Skidebakel" betrieb, wurde im ZDF-Sportstudio US-Snowboardstar White von jungen Sehern per Videonachricht befragt. Bezeichnend.
Der andere Grund: die Strukturen im Sport. In Österreich wollen zig Organisationen wichtig sein, das Olympische Comité (ÖOC), die BundesSportorganisation (BSO), das Sportministerium, die Sporthilfe, die Dachverbände Askö, Union und Asvö. Sie putzen sich aneinander ab. Frauensport etwa steht in Österreich nach wie vor im Abseits. So fuhren 52 Sportler, aber nur 29 Sportlerinnen nach Vancouver, eine erbärmliche Quote. Doch in dieser Frage erklärt das ÖOC die Verbände für zuständig.
Sportminister Norbert Darabos will bis 2011 die Sportförderung reformieren. 2009 standen dem Sport auf Bundesebene 113 Millionen Euro zur Verfügung, die Mittel haben sich seit 2000 verdoppelt. Dass ein guter Teil des Geldes in der Bürokratie verschwindet, ist angesichts der vielen Apparate und wenigen Erfolge klar. Dass sich daran bald etwas ändert, ist zu bezweifeln.
Aber Hauptsache, in Sotschi 2014 können die Skifahrer die Schmach "Vancouver 2010" tilgen. Schon werden Rufe nach einer nationalen Anstrengung, einem nationalen Aufbäumen, einem nationalen Kraftakt laut.

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/449

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001