Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Das Kreuz mit dem Giebel"

Ausgabe vom 27. Februar 2010

Wien (OTS) - Es tut sich was im Raiffeisen-Reich. Was als nebulose Fusions-Ankündigung daherkam, ist nicht mehr und nicht weniger als der Anfang vom Umbau des mit Abstand größten Bankensektors Österreichs. Dessen Wahrzeichen, besser gesagt Logo, ist das praktisch überall in Österreich anzutreffende Giebelkreuz. Wenn Raiffeisen beginnt umzubaen, dann wird das auf den gesamten Finanz-Sektors Österreichs Auswirkungen haben.

Denn der Zusammenschluss von RZB und Raiffeisen International ist natürlich nicht nur eine technische Übung, sondern eine völlig neue Strategie. So wird - das allein ist schon erstaunlich - die RZB zum börsenotierten Institut.

Wer sich bei großen Investmentbanken umhört, wird erkennen, dass die nichts dagegen haben, wenn es eine Regelung ist, die der Erste-Gruppe ähnelt. Das bedeutet, dass die mächtigen Landesbanken, in mehreren Schritten, die Mehrheit an ihrem Spitzeninstitut abgeben werden müssen.

Denn der Kapitalbedarf Raiffeisens wird in den kommenden Jahren enorm steigen. Die Finanzkrise zwingt alle großen Banken zu einer höheren Kapitalquote. Gerade im Genossenschaftsbereich wird dabei auch fiktives Kapital der 1,7 Millionen Mitglieder eingesetzt. Die Landesbanken sind nicht in der Lage, dieses Kapital für die RZB/RI aufzubringen. Also muss es von der Börse kommen, die mag es aber nicht, einem alles dominierenden Mehrheitseigentümer gegenüber zu stehen.

Die zweite Frage, die sich durch eine Börsenotiz stellt, ist die Kapitalverflechtung zwischen Banken und der zum Sektor gehörenden Uniqa-Versicherung. Gut möglich, dass auch sie künftig auf größere Distanz zum Giebelkreuz geht.

Und der dritte Aspekt - er ist für die Bankkunden der unmittelbarste - ist die gegenseitige Haftungsgarantie der Raiffeisenbanken für Spareinlagen. Dieses Problem trifft auch Sparkassen. Dafür wird eine Absichtserklärung nicht mehr genügen, sondern Kapital, sprich: echtes Geld, aufzubringen sein. Vernünftig wäre es, wenn es eine österreichweit einheitliche Spareinlagen-Haftung gibt, über alle Geldinstitute drübergespannt.

Was also nebulose Fusionsankündigung im Giebelkreuz begann, dürfte also in einem großen Umbau des Finanzsektors münden.

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