Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Eine Frage des Respekts"

Ausgabe vom 26. Jänner 2010

Wien (OTS) - Wir leben in seltsamen Zeiten, was den Umgang mit Politikern betrifft. Zumindest korrelieren einige bemerkenswerte Beobachtungen miteinander: Je mehr Politiker sich bemühen, den Bürgern - dank Demoskopie und Bauchgefühl - noch den letzten Wunsch von den Augen abzulesen und sodann zum Programm zu erheben, desto tiefer scheinen sie im Ansehen beim Wahlvolk zu sinken.

Dies wiederum lässt Volksvertreter noch innig verzweifelter um Anerkennung buhlen - als "Menschen wie du und ich" in Homestorys, volkstümlich beim Skirennen oder Fußballspiel oder hemdsärmelig in Macherposen bei Wahlkämpfen. Das intensive Werben der Politiker führt im besten Fall zu sachlich-kühler Distanz, schlimmstenfalls zu aggressiver Ablehnung. Und zu einem verbreiteten Missverständnis, das zu oberflächlicher Intimität verleitet.

Die jedoch ist im Verhältnis zwischen mündigen Bürgern und ihren gewählten Repräsentanten gänzlich fehl am Platz. Bei Bürgermeistern kleinerer Gemeinden mag das allgegenwärtige "Du" noch angehen, auf den Ebenen darüber wirkt es dagegen meist peinlich, weil nicht authentisch. Es ehrt Österreichs kleine heile Welt der Innenpolitik, dass sich jeder beim Vornamen nennt. Geschieht dies jedoch auch nach außen, führt dies nur zu einem weiteren Ansehensverlust.

Politiker, zumal jene auf Bundesebene, bedürfen des Respekts dringender als der Sympathie. Wer jedoch auch in den Medien quasi offiziell unter "Sepp", "Michi", "Jörg", "HC", "Gio", "Niki" oder "Gusi" und "Willi" firmiert, leistet selbst dem ersten Schritt zur eigenen Verniedlichung Vorschub. Den Rest besorgen dann schon Boulevard und politische Gegner mit gründlicher Konsequenz.

Wer sich selbst aus bieder-populistischen Motiven geringer macht, als er sich selbst sieht, darf sich nicht wundern, wenn er nach dem Ende der politischen Karriere von niemandem vermisst wird. Respekt überlebt auch härteste Auseinandersetzungen und Niederlagen. Oberflächliche und käuflich erworbene Sympathiewerte schmelzen schneller dahin als der Schnee dieser Tage in der erwachenden Frühlingssonne.

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