TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" 24. Februar 2010, von Irene Heisz: "Kranke stören im Krankenhaus"

Es ist weder moralisch noch gesetzlich vertretbar, Krankenakten von Kollegen und Untergebenen auszuspionieren.

Innsbruck (OTS) - Nur chronisch Naive glauben, dass in Krankenhäusern höhere ethische Standards eingehalten werden als in sonstigen Lebens- und Arbeitsräumen. Auch für Klinikpersonal auf jeder Hierarchiestufe gilt: Man kann allem widerstehen. Außer der Versuchung. Und Vorgesetzte in Spitälern leiden am selben Humanismusdefizit wie Manager in allen anderen Wirtschaftsbereichen auch: Kranke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht in erster Linie Menschen, um deren Wohl man sich nicht zuletzt im Sinne ihrer Leistungsfähigkeit zu kümmern hat, sondern Sand im Getriebe optimaler Geschäftsabläufe.
Ein Skandal erschüttert die Universitätsklinik Innsbruck. Schon wieder. Diesmal produziert von Kollegen, die Kollegen ausspionieren, und von Vorgesetzten, die unerlaubt Informationen über Untergebene einholen. Buchstäblich auf Tastendruck möglich ist das, seit alles, was im Haus vorgeht und getan wird, elektronisch erfasst und gespeichert wird - also auch Krankenakten von Mitarbeitern des Hauses.
Es gibt viele gute medizinische und betriebswirtschaftliche Gründe, "Klinische Informationssysteme", wie integrierte Softwarepakete für den Krankenhausgebrauch genannt werden, zu verwenden: Wege zwischen diversen Stationen des Klinikapparats werden kürzer, Behandlungen präziser dokumentiert, Kosten besser kontrollierbar, kurz: Die Komplexität des Molochs Klinik wird überschaubarer gemacht.
Aber: Mit gutem Grund auch erachtet das Datenschutzgesetz Angaben über den Gesundheitszustand von Menschen als "sensibel", also besonders schutzwürdig. Weder Kollegen noch Vorgesetzte darüber informieren zu müssen, welche Leiden einen plagen, hat etwas mit der Wahrung der Intimsphäre und Würde zu tun. Und aus demselben Grund gelten krankhafte Kollegenneugier und die Suche nach einer Möglichkeit, Untergebene unter Druck zu setzen, weder zu den moralisch noch zu den gesetzlich vertretbaren Ausnahmen.

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/213

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001