Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Das Afghanistan-Trauma"

Ausgabe vom 23. Februar 2010

Wien (OTS) - Der verheerende Luftschlag gegen Zivilisten in Afghanistan und das Zerbrechen der niederländischen Regierungskoalition über den Einsatz am Hindukusch zeigen deutlich, wie hart sich die Staatengemeinschaft dort tut. Vor allem in Europa mehren sich die Stimmen, die ein Ende des Afghanistan-Einsatzes fordern. Dies wurde versucht zu unterlaufen, indem ein Wiederaufbau-Konzept beschlossen wurde: Schulen statt Schüsse. Den radikalen Taliban soll der Boden entzogen werden, indem ins geschundene Land investiert wird, den Bauern eine Alternative zum Drogenanbau eröffnet wird. Die internationale Schutztruppe mit ihrem US-Kommandanten McChrystal sollte vom Aggressor zum Beschützer werden.

Daneben konnten die Geheimdienste der großen Nato-Länder zuletzt erstaunliche Erfolge im Kampf gegen die Militärführer der Taliban vorweisen (auch wenn die jüngste Verhaftung in Pakistan etwas glücklich gewesen sein dürfte). Auch einige der Finanzierungsquellen wurden den Terroristen verstopft - dieser Krieg blieb unsichtbar. Alles in allem eine interessante Strategie, und wert, sie weiterzuverfolgen.

Die gleichzeitig gestartete militärische Offensive gegen die Taliban-Hochburgen entwickelt sich aber immer mehr zum Alptraum. 27 Tote, unter ihnen Kinder, durch den irrtümlichen Beschuss eines Auto-Konvois; in den Tagen davor kamen ebenfalls Dutzende Zivilisten bei Straßenkämpfen ums Leben. Das sind genau die Vorkommnisse, die nicht nur die Hilfsstrategie untergraben, sondern auch die Unterstützung in den westlichen Ländern. Wenn europäische und amerikanische Kampfpiloten in Afghanistan unschuldige Menschen töten, wird das eigentliche Ziel, die Terrornetzwerke dort auszuschalten, sicher nicht erreicht.

Dass in den Niederlanden die Regierung daran zerbrach, ist nur ein Symptom dafür, dass der Afghanistan-Einsatz mit einem zu hohen Risiko geführt wird. Abzugspläne zu diskutieren ist nur das Feigenblatt dafür, dass die Staatengemeinschaft nicht genau weiß, was sie dort eigentlich will.

Ist sie dort eine Militärmacht oder ein Friedensbringer? Derzeit wird beides versucht, mit desaströsen Ergebnissen - und wachsenden politischen Turbulenzen in Europa.

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