"DER STANDARD"-Kommentar: "Tod und Spiele" von Fritz Neumann

Vancouver, zynisch und jenseits der Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit (Ausgabe ET 22.02.2010)

Wien (OTS) - Wie am Schnürchen laufen sie, die XXI. Olympischen Winterspiele. Organisation, Wetter, TV-Übertragungen - lauter Erfolgsmeldungen. Die Medaillen werden schön verteilt unter US-Amerikanern, Kanadiern, Franzosen, Deutschen, dem Schweizer Skispringer Simon Ammann und jawohl, mittlerweile sogar Russen und Österreichern. IOC-Präsident Jacques Rogge wird am Ende von tollen Spielen reden und davon, dass Vancouver 2010 die Latte hoch gelegt hat für Sotschi 2014, und vielleicht wird man noch einmal eine Minute lang schweigen für den Rodler, der, wie es hieß, "nach einem Fahrfehler" sein Leben ließ.

Nodar Kumaritaschwili wurde am Samstag in seinem Heimatort Bakuriani zu Grabe getragen. Am selben Tag rasten in Whistler die Zweierbobs durch jene Bahn, die Kumaritaschwilis Verhängnis gewesen war, und wie schon im Training gabs etliche Stürze. Betroffen waren nicht nur Amateure, sondern auch Mitfavoriten. Umso größer die Sorge vor dem Damenbewerb, in dem viele Teams über wenig Erfahrung verfügen.
So oder so muss das IOC am Ende glücklich sein, wenn es mit einer einzigen Schweigeminute das Auslangen findet. Man denke an den Flug der Schwedin Anja Pärson nach dem in seiner Schwierigkeit völlig deplatzierten Zielsprung in der Abfahrt, an die Stürze etlicher Snowboarderinnen, die unnötigerweise auf dem selben problematischen Cross-Kurs wie die Herren fahren mussten, an dutzende verunfallte Bobs. Umso zynischer wirken Aussagen von Funktionären zur Olympia-Halbzeit. "Ich könnte froher nicht sein", sagte Tim Gayda, Vizepräsident der Organisation (Vanoc). Und IOC-Exekutivdirektor Gilbert Felli ist "sehr erfreut über den glatten Verlauf der Spiele".

Was macht IOC-Funktionäre, Olympia-Organisatoren oder Eiskanal-Errichter glauben, Sportler über die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit hinaus fordern zu müssen? Wohl die Hoffnung auf höhere TV-Quoten. Aus Vancouver 2010 und den Sommerspielen 2012 (London) lukriert das IOC 3,8 Milliarden Dollar, fünfzig Prozent mehr als aus Turin 2006 und Peking 2008. Den größten Teil davon berappt der US-Sender NBC. Natürlich will NBC spektakuläre Bilder bringen. Aber will man stürzende Snowboarderinnen und sterbende Rodler sehen? Oder ist es nicht doch egal, ob im Eiskanal 115 oder 145 Stundenkilometer erzielt werden?

Vom Restrisiko, das bleibt, reden sie oft, die Funktionäre und auch die Sportler selbst. Man kann es nicht mehr hören. Tatsächlich ist es auch im Skisport angesichts vieler Stürze und schlimmer Verletzungen nur eine Frage der Zeit, bis wieder ein tödlicher Unfall passiert. Und den Eindruck, dass die Verantwortlichen nicht alles tun, um diesen Unfall zu verhindern, wird man nicht los. Die Sportler tragen ihren Teil dazu bei, indem sie entweder schweigen und an den Start gehen oder jammern und erst recht an den Start gehen. Rodlern und Bobfahrern wäre ein Verzicht auf ihren Wettkampf gut zu Gesicht gestanden. So hätten sie ein Zeichen gesetzt, olympische Geschichte geschrieben und Nodar Kumaritaschwili gewürdigt.

"Höher, schneller, weiter" lautet ein olympisches Motto. Korrekt übersetzt wäre eher "Höher, schneller, stärker" angesagt. Doch kriegt der Sport seine Organisation nicht in den Griff, liegt man mit "Höher, weiter, schneller tot" auch nicht wirklich schlecht.

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