"Die Presse"-Leitartikel: Wenn die Kirche zum Ärgernis wird, von Dietmar Neuwirth

Ausgabe vom 22.02.2010

Wien (OTS) - Reaktionen und Nichtreaktionen auf Fälle sexuellen Missbrauchs bestätigen schlimmste (Vor-)Urteile.

Es gibt Situationen, in denen Schweigen angezeigt ist. Wer kennt sie nicht aus dem Alltag. Und es gibt Umstände, zu denen nicht geschwiegen werden kann. Nicht geschwiegen werden darf. Der betont konservative Augsburger Bischof Walter Mixa beispielsweise hätte besser geschwiegen, als er die, wie er sich ausdrückte, "sogenannte sexuelle Revolution" für Übergriffe von Priestern und Ordensleuten auf Minderjährige in mehreren katholischen Internaten Deutschlands mitverantwortlich machte.
Nicht, weil es sich um unsäglichen Unsinn handelt. Selbst wenn man die Enunziationen seiner Exzellenz für abgrundtief dumm hält, wofür es gute Gründe gibt: Weshalb sollte sich in einer sich frei verstehenden Gesellschaft nicht auch ein Bischof als den intellektuellen Herausforderungen seines Amtes nicht ganz gewachsen outen dürfen? Trotzdem, der Mann hätte besser geschwiegen. Auch nicht, weil es unbedeutend wäre (was es natürlich nicht ist), in welchem politischen, kulturellen, gesellschaftlichen Umfeld Priester agieren. Sondern weil angesichts der himmelschreienden Vorkommnisse in katholischen Einrichtungen zuerst Worte der Scham, der Reue, der Buße, der Entschuldigung gegenüber Opfern zu erfolgen haben. Und zunächst einmal nichts anderes. Ein Zeigen mit dem Finger auf andere, die auch derartige Taten begangen, begünstigt oder gefördert haben sollen, ist nicht einmal in der Erziehung von Kleinkindern akzeptierbar. Aber Bischof Mixa, der gern Gruppierungen umwirbt, die üblicherweise außerhalb des katholischen Spektrums angesiedelt werden, sieht sich weniger als Hirte denn als Kämpfer für eine von ihm als solche erkannte Wahrheit. Es soll Männer mit diesem Habitus auch schon an der Spitze von österreichischen Diözesen gegeben haben. So viel zu Situationen, in denen Schweigen angebracht ist. Schweigen, das in anderen Fällen völlig deplaciert ist, ja selbst zum Skandal wird. Auch da verfügt das katholische Österreich über einschlägige Erfahrungen mit einem Herrn in Purpur. Jetzt schweigt der Vorsitzende der Bischofskonferenz Deutschlands, Erzbischof Robert Zollitsch, zu den mittlerweile dreistelligen Opferzahlen. Er wolle den Beratungen der Bischofskonferenz, die heute beginnen, nicht vorgreifen, meinte seine Umgebung lakonisch. Ja, wie denn? Ist er nicht Manns genug, selbst, ohne Abstimmung seiner Mitbrüder, das Wort zu ergreifen? Muss er erst diskutieren lassen, ob sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche einer Verurteilung bedarf - und sei es nur durch Worte, da fast alle Taten 20, 30, 40 Jahre zurückliegen und also nach staatlichem Recht verjährt sind? Oder war er durch dringende Amtsgeschäfte verhindert? Wäre denkbar, schließlich musste er, während sich die Zahl der gemeldeten Opfer fast stündlich erhöhte, auch den "Narrenpreis 2010" der "Breisgauer Narrenzunft" entgegennehmen. So schwer kann die Bürde eines Bischofsamtes sein.

Und in Österreich? Da hat die Spitze des Episkopats die Lektion zumindest ansatzweise gelernt. Kardinal Christoph Schönborn hat bei einer Predigt im Stephansdom und der Grazer Bischof Egon Kapellari bei einem Interview richtige Worte gefunden. Gleichzeitig versuchte der Wiener Erzbischof, Öffentlichkeitsarbeit und Auftrag der Kirche gegeneinander auszuspielen. Und die Bischofskonferenz hat es verabsäumt, einen der Ihren zum "Club 2" zum Thema Missbrauch zu entsenden. Kein Bischof, kein Bischofsvikar war bereit, sich der (ohnedies sehr harmlosen) Diskussion zu stellen. Man kann nicht nicht kommunizieren: Das Fernbleiben von derartigen Debatten wird interpretiert. So oder so. Als Eingeständnis von Schuld, Unvermögen, als Leugnung eines Problems. Höchste Amtsträger der Kirche sind von grundlegendsten Gesetzmäßigkeiten der Kommunikation bisher offenbar völlig verschont geblieben.
Dabei sind Information an eine Öffentlichkeit außerhalb der Kirchen und sich selbst unangenehmsten Fakten und Fragen zu stellen nicht Kür, sondern Pflicht. Zumindest, solange die katholische Kirche eine staatlich anerkannte, mit dem einen oder anderen Privileg ausgestattete Glaubensgemeinschaft ist, solange sie sich als Organisation versteht, die auf die Gesellschaft Einfluss nehmen möchte, mit einem Wort, solange sie nicht als Sekte wahrgenommen wird.
Das Ausschlagen der Einladung in den "Club 2" und Nichterkennen der Notwendigkeit professioneller Kommunikation sind weitere Indizien, dass die katholische Kirche ihren (bewusst? unbewusst?) eingeschlagenen Kurs der Selbstmarginalisierung fortsetzt. Es gibt manche, die das unendlich freut. Und es soll manche geben, die diese Entwicklung unendlich schmerzt.

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