"DER STANDARD"-Kommentar: "Dopingjagd als Dopingproblem" von Fritz Neumann

In Vancouver enttarnen sich hanebüchene Methoden und wohlfeile Ankündigungen (Ausgabe ET 12.02.2010)

Wien (OTS) - Doping freigeben? Viel spricht dafür. Man blicke nur nach Vancouver, wo am heutigen Abend, der in Europa schon eine Nacht sein wird, die XXI. Olympischen Winterspiele eröffnet werden.

S107, nur zum Beispiel. Ein Doping-Wundermittel, entwickelt an der Columbia-Universität in New York, um Patienten mit Herzrhythmusstörungen zu helfen. Doch bringt die Substanz nicht nur Kranke auf Vordermann, sondern auch Gesunde (oder halt Spitzensportler) auf Touren. Kundige gehen davon aus, dass S107 bereits im Sommer 2008 in Peking mitgespielt hat. Es wäre sogar nachweisbar, ist jedoch von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) noch nicht klassifiziert. Man weiß nicht, ob das Mittel zu den Stimulanzien, Anabolika, Hormonen oder Beta-2-Antagonisten zu zählen ist. Also steht S107 auf keiner Dopingliste, also wird olympisch nicht auf S107 getestet.

Schnitt. 2000 Sportler, so die Ankündigung, werden bis zum Ende der Spiele kontrolliert. Erwischt werden vielleicht der eine oder die andere, die so dumm sind, am Tag X wirklich Unerlaubtes einzuwerfen. Wichtiger ist Doping in der Aufbauzeit vor Großereignissen. Da muten die Tests in etlichen Sparten fast lächerlich an. So ließ der Weltskiverband (FIS) in neun Monaten unter alpinen Skiläufern genau 25 Urin-Tests und eine Blutuntersuchung durchführen, bei den Snowboardern hätte man sich die zwei Urin-Tests auch sparen können. In Langlauf und Kombination überrascht das Eingeständnis, dass nicht bei allen Weltcuprennen getestet wurde.

Schnitt. Wo 2006 die Österreicher standen, stehen nun die Russen. Im Vorjahr waren knapp ein Dutzend russische Wintersportler positiv. Andere konnten erst gar nicht getestet und also nicht überführt werden, weil staatliche Behörden die ausländischen Dopingkontrollore behinderten. Ein Fahnder wurde festgenommen, die russische Polizei beschlagnahmte Dopingproben. Ob das IOC aufgeschrien hat? Von wegen.

IOC-Präsident Jacques Rogge rief Präsident Dmitri Medwedew an, Medwedew sagte Unterstützung zu. Rogge: "Nachlässigkeiten gab es, aber das ist ein großer Unterschied zur Behauptung, dass es ein staatlich organisiertes System gab." Vielleicht ist Russland einfach "a too big country".

Schnitt. Die Eishockeystars der National Hockey League (NHL), die nicht nur für Kanada und die USA spielen, sondern auch das Gros der europäischen Olympia-Teams stellen, können in Vancouver von der Wada getestet werden. Während der Saison freilich pfeift die NHL auf die Wada. Der Sport in Nordamerika ist sein eigener Herr, führt eigene Kontrollen durch. Wada-Generalsekretär David Howman kündigt an: "Wir werden alle NHL-Stars testen", sagt aber auch: "Ich glaube aber nicht, dass sie nervös sind, denn dann wären sie dumm." Immerhin hat Howman verstanden, dass "tausend Tests im Biathlon mehr Sinn machen als im Curling".

Wo führt es hin, wo hört es auf, vor allem: Wo fängt es an? Müssen bei Eltern nicht Alarmglocken läuten, wenn Sohn oder Tochter einem Langlauf- oder Radsportverein beitreten wollen? Nicht weil dort die Kinder aufgeblasen werden, sondern weil der Sprössling dereinst in eine Liga aufsteigen könnte, in der es mit Ehrgeiz und Talent allein kein Weiterkommen gibt?

Doping freigeben? Niemals. Auch wenn der unglaubwürdige, hanebüchene Kampf dagegen längst eines der größten Dopingprobleme darstellt.

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