"Kleine Zeitung" Kommentar: "Triumph des Mittelmaßes: Barrosos neue Mannschaft" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 08.02.2010

Graz (OTS) - Es wird ein Tag ganz nach Geschmack des
Präsidenten. Feierliche Reden werden geschwungen werden. Weihrauch wird aufsteigen, und wieder einmal wird jene Mischung aus Pathos und Peinlichkeit das Europaparlament durchwehen, die er so liebt.

José Manuel Barroso hat allen Grund zufrieden zu sein. Morgen werden Europas Volksvertreter sein neues Team in Straßburg klar bestätigen.

Euphorie ist unangebracht. So wie ihr Chef ist auch die neue EU-Kommission nur Mittelmaß. Sieht man vom Spanier Joaquín Almunia (Wettbewerb), dem Franzosen Michel Barnier (Binnenmarkt) und der Holländerin Neelie Kroes (Digitales) ab, fehlen Barrosos Mannschaft die Schwergewichte.

Das bedeutet nicht, dass die Auswahl an sich schlecht wäre. Noch lacht Europa über das Spätzle-Englisch von Günther Oettinger. Aber der Deutsche wird seinem Land als Energiekommissar gewiss keine Schande machen. Und auch der Tscheche Stefan Füle (Erweiterung), der Belgier Karel De Gucht (Handel), der Finne Olli Rehn (Währung) oder Österreichs Johannes Hahn (Regionales) werden ihren Job sicher gut erledigen. Die Frage lautet nur: Ist "gut" in Krisenzeiten wie diesen auch gut genug?

Es ist schon eigenartig. Jahrelang haben Europas Regierende dafür gekämpft, Europa mit dem Vertrag von Lissabon zu neuer Größe zu führen. Doch jetzt, da sie die Zügel in Brüssel an starke und erfahrene Politiker übergeben sollten, befällt sie die Kleinmut. Nicht die Besten wurden in die Schaltzentrale des vereinten Europa entsandt, sondern Politiker, die man sich aus welchen Gründen auch immer dorthin wünscht.

Das Paradebeispiel ist Lady Ashton. Würde man an ihr fachlich den gleichen Maßstab anlegen, wie an der zu Recht spektakulär gescheiterten Bulgarin Rumanja Schelewa, hätte die Britin niemals "EU-Außenministerin" werden dürfen.

Doch Ashton ist Teil des zwischen Rot und Schwarz vereinbarten großen EU-Personalpakets und daher auch für das Europaparlament sakrosankt.

Barroso passt da perfekt ins Bild. Als die Fleisch gewordene Mutlosigkeit ist er für Europas Staatenlenker die Idealbesetzung. Dieser Mann wird niemandem gefährlich.

Zugleich wacht er eifersüchtig darüber, dass ihm in der Kommission kein Rivale erwächst. Erfolgreiche und perfekt eingearbeitete Kommissare wie Almunia und Kroes mussten das Ressort wechseln.

So wird mit der morgigen Wahl der Kommission zwar ein neues Kapitel in der Geschichte der Union aufgeschlagen. Aber es ist ein matter, ein glanzloser Start.****

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