"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Ein Phantomschmerz namens Gusenbauer, von Rainer Nowak

Ausgabe vom 7.2.2010

Wien (OTS) - Alfred Gusenbauer feiert 50. Geburtstag, der Ex-Unglücksrabe macht eine bessere Figur als die alten Wende-Helden. Dass ihn manche zurücksehnen, spricht weniger für ihn als gegen seine Nachfolger.

Wäre er noch SP-Chef, im VP-Generalsekretariat würden die Kärntner-und Steireranzüge vor Freude auf- und niederspringen. Es wäre die ideale Geschichte für die schwarzen Propagandisten: Alfred Gusenbauer beendet seinen Skiurlaub, fährt vom dekadenten Arlberg ins links-linke Paris. Von dort fliegt er ins kommunistische Kuba, um am Montag mit der Familie 50. Geburtstag zu feiern. Ein Foto mit dicker Zigarre, Rum im Schwenker, fertig wäre das Wahlkampffoto.
Doch Alfred Gusenbauer ist nicht mehr Kanzler, was nicht nur die "Neigungsgruppe Umfragen" in der ÖVP, sondern auch vereinzelte Denker in- und außerhalb der SPÖ beklagen. "Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher gehört nicht dazu. Der sympathische Obi-Wan Kenobi der Linken unterstellte den spät berufenen Gusenbauer-Verehrern Mangel an Redlichkeit: Man könne doch einen Politiker in dessen Amtszeit nicht derart hart kritisieren, ihn mit Spott und Hohn überziehen, um ihn kurze Zeit danach als politischen Pensionisten zu preisen! Stimmt, Gusenbauer war auch im Nachhinein ein schwacher Kanzler. Während seiner Amtszeit konnte nur keiner ahnen, dass ihm ins Kanzleramt Werner Faymann folgt, der dort weiterhin seiner einzigen Berufung nachgeht: der beliebteste Wiener Stadtrat zu sein.
Gusenbauer ist aber kein schlechter Exkanzler. Als unterhaltsamer Redner ist er ebenso beliebt wie als Gesprächs- und Tischpartner in den besten Gaststätten. Genau das haben ihm die Medien damals vorgeworfen: Das Interesse an Önologie, üppiger Küche und dazugehörigem Humor passe nicht zu einem aufrechten Arbeiterführer im puritanischen Österreich. Demnach muss Faymann perfekt sein. Der Mann arbeitet laut Illustrierten 20 Stunden am Tag und geht nie aus.
Der Altkanzler wird noch immer international geschätzt: Der bekannteste Champagnertrinker des Landes sei erster Kandidat der europäischen Sozialdemokraten für den Posten des EU-Außenministers gewesen, hieß es zuletzt. Aber Faymann habe ihn nicht unterstützt, sagen viele Freunde der SPÖ, etwa André Heller. Das kann doch nur ein Gerücht sein! Ansonsten wäre Faymann weder als SP-Chef für die Seinen noch als Kanzler für das Land tragbar. Gusenbauer, der die Entscheidung miterlebt hat, kann Faymann entlasten.
Und er wird es tun, alles andere wäre eine Sensation. Denn Gusenbauer bleibt in der Benotung seines Nachfolgers dezent. Er hält sich auch -wohl aus Mangel an Möglichkeit zur Profilierung - bei der Beurteilung der Wende zurück. Anders Exkanzler Wolfgang Schüssel, der ohne Zweifel ein stärkerer aktiver Politiker als sein roter Widersacher war: Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit stimmt er Lobeshymnen auf sich selbst an. Selbstkritik kennt er nicht, Understatement bleibt ihm völlig fremd. Würde der antifaschistische Faschingsumzug im TV nicht so laut lärmen, könnte man Schüssel zur Antwort auf die zentrale Frage drängen: Warum haben Sie die historische Chance zur Veränderung, genannt Wende, verspielt?
Es sagt einiges aus, wenn ein Alfred Gusenbauer wieder gut aussieht.

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