Die Presse - Leitartikel: Wie die Kultur Politiker über den Tisch zieht, von Barbara Petsch

Ausgabe vom 05.02.2010

Wien (OTS) - In der Kunst steckt weniger Geld als im Bank- und Gesundheitswesen. Trotzdem: Mehr Kontrolle ist nötig!

Zwei Manager werden verdächtigt, finanzielle Unregelmäßigkeiten begangen zu haben. Der Schaden ist sechs-, vielleicht auch siebenstellig. Die Firma trennt sich von ihnen. Einer der beiden springt von der Brücke. Die Wirtschaft boomt - im Theater. Diese Episode könnte auch ein Stück sein. Das Stück gibt es schon, bzw. ein ähnliches: In der Garage X am Petersplatz in Wien, einem Off-Theater, balanciert ein Schauspieler auf einer Balustrade, der gerade seine bürgerliche Existenz verloren hat. Theater und Wirklichkeit rücken offenbar näher zusammen.
Gilt das auch für die Korruption? Ist sie im Kunstbereich allgegenwärtig, reicht sie vom fetten Gehalt, das sich ein Kleintheaterregisseur von den Subventionen genehmigt, bis zu den Osterfestspielen, denen es über Jahre nicht aufgefallen ist, dass Führungskräfte offenbar unangemessen kräftige Summen kassiert haben, womit sich nun der Staatsanwalt beschäftigt? Gilt also für die Kultur, was auch bei Banken, Versicherungen, im Staatsbereich, im Gesundheitswesen vorkommt? Ja. So ist es.
Dieser Tage kommen aber nicht nur Meldungen vom Osterfestspiel-Skandal, der das Sommerfestival nicht unberührt lässt, sondern auch ein weiteres Prestigeprojekt wurde nach Malversationen aufgegeben: die Wörtherseebühne, der kostspielige Traum des verstorbenen Kärntner Landeshauptmannes Jörg Haider. Die Idee war nicht dumm. Wenn Salzburg und Bregenz ein Sommerfestival haben, warum nicht auch das vom Tourismus abhängige Kärnten? Hier berühren sich Salzburg und Klagenfurt. Kultur ist ein Wirtschaftsfaktor. Kulturtouristen sind oft betuchte Leute, die nicht nur Geld für Karten, teure Hotels, noble Restaurants ausgeben, sondern sich auch gern als Sponsoren betätigen.
Leider scheinen Politiker oft blind, wenn das Wort Umwegrentabilität ertönt. Ist dann noch ein charmanter Künstler oder schlauer Manager zur Stelle, der sie umgarnt, stürmen sie vorwärts, machen die Kassa weit auf - und fragen nicht lang, was es kostet. Im Vergleich zu Autobahnen und Spitälern geht es im Kulturbereich ja wirklich meistens um Peanuts. Und Peanuts sind meistens auch das, was irgendwo verschwindet - verglichen z. B. mit Börsenverlusten und Firmenpleiten.
Trotzdem sollte man nach dem jüngsten Festspielskandal nicht zur Tagesordnung übergehen. Die Osterfestspiele, Karajans Privatfestival mit geringen Subventionen, sollen nun quasi verstaatlicht werden. Das klingt nach einer weiteren panischen Reaktion von Politikern, die keinen Touristen verlieren wollen. Wird hier gutes Geld dem schlechten nachgeworfen? Ein übliches Vorgehen, das Wirtschaft wie Steuerzahler immer wieder Milliarden kostet. Nein. Zuvor muss alles aufgeklärt und eine neue Struktur mit wirksamem Controlling geschaffen werden - zu Ostern wie im Sommer. Das kostet etwas, aber es hat sich auch überall anders bewährt.
Die Politiker sollten weniger romantische Ideen über die Kunst hegen. Kultur ist Arbeit, kostet Geld. Es sind dort große Träumer, eloquente, tüchtige Visionäre unterwegs, die aber wie alle Menschen finanzielle Interessen haben. Und es ist gut, den Anfängen zu wehren, statt nach dem Motto "Bloß keinen verärgern!" den Kopf in den Sand zu stecken. Die Salzburger Praktiken sollen seit Jahren bekannt gewesen sein.

Die Kunst ist allzu oft ein Nebenschauplatz in der Politik. Selten verstehen Politiker etwas von Orchestern, Stimmen, Theater, Schauspielern, kurz: von der Sache. Auch dafür ist Salzburg ein gutes Beispiel: Als die Berliner Philharmoniker letztes Jahr nach Baden-Baden, zum großen Konkurrenten Salzburgs, abwandern wollten, wurden sie gehalten - mit beträchtlichem finanziellen Aufwand, wie es heißt. Man hätte sich auch nach einem anderen Orchester umschauen können, zum Beispiel der Staatskapelle Dresden. Da geht es jetzt nicht darum zu sparen, sondern um Inhaltliches.
sFür Salzburg ist es wesentlich, angesichts der Festivalkonkurrenz, die quantitativ wie qualitativ deutlich schärfer geworden ist, für seine rekordverdächtigen Preise bei den Festspielen und abseits von diesen Einmaliges zu bieten. Die Zeiten, in denen ein Herbert von Karajan - der für seine Fans immer Gott selbst bleiben wird -swunderbare Musik mit gelegentlich unglaublich faden szenischen Darbietungen kombinieren konnte, sind vorbei. Das Publikum will auch optische Reize, attraktive, moderne Inszenierungen, und zwar solche, die man nur in Salzburg sieht und nicht auch in Südfrankreich oder sonst wo.
Die jetzige Festspielkrise - die nicht die erste ist, in letzter Zeit ist Salzburg des Öfteren durch Turbulenzen aufgefallen - sollte für eine tiefere Analyse genutzt werden.

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