TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" 5. Februar 2010, von Irene Heisz - "Spezialisten für eh alles"

Wer tut sich die Politik überhaupt noch an? Zu häufig Personen, die negative Vorurteile bestätigen.

Innsbruck (OTS) - Der Fasching, der unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegen torkelt, wird nahtlos in die heiße Phase des Gemeinderatswahlkampfes übergehen. Nicht immer und nicht überall wird sich das eine vom anderen klar unterscheiden. Dabei hält sich der humoristische Aspekt am Dasein als Gemeinderat bzw. Gemeinderätin oder gar als Bürgermeisterin oder Bürgermeister in überschaubaren Grenzen.
Das Puzzle Tirol setzt sich aus lauter kleinen Dörfern und Städten zusammen. Selbst Innsbruck, wo erst 2012 gewählt wird, ist in vielerlei Hinsicht bloß ein übergroß geratenes Dorf. Jeder kennt jeden, die Mitglieder kommunaler Parlamente und Regierungen müssen Spezialisten für eh alles sein, als Ombudsleute und Watschenmänner funktionieren, immer Heftpflaster für individuelle Bürger-Wehwehchen und zukunftsträchtige Lösungen für Probleme anbieten können, die jeweils die ganze Gemeinde betreffen.
Dazu kommt auf einer allgemeineren Ebene, die z. B. auch die katholische Kirche und Gewerkschaften betrifft: In dem Maß, in dem das Vertrauen der Menschen in einst sakrosankte Institutionen schrumpft, wächst das Desinteresse, das sich selten als klar argumentierte Distanz darstellt, sondern häufig in Form dumpfer Pauschalverunglimpfungen daherkommt.
Daraus resultieren massive Probleme, Nachwuchs zu rekrutieren. Viel Arbeit und viel Verantwortung bei gleichzeitig beschränkten Gestaltungsmöglichkeiten, herzlich wenig Geld und einem denkbar schlechten Image - die Frage, wer sich das antun will, beantworten zu oft Personen, deren Wille zur persönlichen Macht ihr Verantwortungsbewusstsein und ihren Gemeinsinn weit übersteigt. Und die damit negative Vorurteile bestätigen und fortschreiben.
Was die Gemeinden brauchen, sind integere Persönlichkeiten mit Charisma. Diese zu ermutigen und dann auch darüber zu wachen, dass sie nicht zu autokratisch agierenden Dorfkaisern mutieren, ist die politische Aufgabe derer, die sie vertreten.

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