WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Herkules oder Sisyphus? - von Michael Laczynski

Defizitsünder Griechenland muss rasch intern abwerten

Wien (OTS) - Gegen das, was dem griechischen Regierungschef
Giorgos Papandreou jetzt bevorsteht, waren die zwölf Arbeiten des Herkules ein Lercherl. Denn während der starke Mann der Antike seine Herausforderungen der Reihe nach angehen konnte, muss es der schmächtige Premier mit allen Widersachern zugleich aufnehmen:
Pensionisten, Studenten, Bauern, Staatsbedienstete. So gut wie jeder, der in Griechenland einer bezahlten Arbeit nachgeht, nachging oder eines Tages nachgehen möchte, hat mit Papandreou ein Hühnchen zu rupfen, seit die Wirtschaftskrise die Regierung in Athen zu einem -für griechische Verhältnisse beispiellosen - Sparkurs gezwungen hat. Angesichts dieser Feindeszahl hätte selbst die neunköpfige Hydra schleunigst das Weite gesucht.

Die Problematik ist nicht neu und sie ist nicht nur auf Griechenland beschränkt, sondern lässt sich auch in Italien oder Portugal beobachten. Ein knausriges, ordnungsliebendes Nordlicht würde an dieser Stelle wohl anmerken, dass der laxe Umgang mit Staatsgeld neben Espresso, Wein und Olivenöl zu den Eckpfeilern des mediterranen Lebensstils gehört. Bevor es den Euro gab, hieß der Ausweg aus dem Dilemma Abwertung: Ein kleiner Absturz der Lira und schon sah die Welt besser aus.

Seit dem Beitritt zur Eurozone ist die Flucht in eine billige Währung nicht mehr möglich. Wer heutzutage seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern (und in Folge den Staatshaushalt sanieren) möchte, muss intern abwerten, also den Anstieg der Lohnkosten im Verhältnis zu den erzielten Produktivitätszuwächsen verringern.

Wie so etwas gemacht wird, hat Deutschland im vergangenen Jahrzehnt vorexerziert. Das deutsche Exportwunder basiert nicht nur auf Innovation und Strahlkraft der deutschen Produkte, sondern vor allem auf Zurückhaltung bei den Löhnen. Die Folge war eine Schwächung der Nachfrage im Inland, die allerdings durch Zugewinne im Ausland überkompensiert wurde.

Genau diesen Weg müssen die Defizitsünder in der Eurozone nun beschreiten, wollen sie den Teufelskreislauf aus sinkender Wettbewerbsfähigkeit und steigender Verschuldung durchbrechen. Berlin war allerdings in einer glücklichen Lage: Die Konsolidierung wurde zu einem Zeitpunkt durchgeführt, als die Nachbarn dem Dolce Vita fröhnten und sich Marktanteile kampflos abjagen ließen. Nun schnallen aber alle zugleich ihre Gürtel enger - auch die Deutschen, die im Vorjahr eine Schuldenbremse im Grundgesetz verankert haben. Abwerten kann man aber nur auf Kosten der Konkurrenz - wenn alle zugleich ihre Nachfrage drosseln, ist am Ende niemandem geholfen. Und der Ausweg aus der Krise, der zum Greifen nahe schien, rückt erneut in die Ferne. Sisyphus lässt grüßen.

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