"Kleine Zeitung" Kommentar: "In Davos fehlt das Rezept für den Kapitalismus der Zukunft" (Von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 1.2.2010

Graz (OTS) - Die Revolution entlässt ihre Kinder. Wieder einmal. Doch anders als beim Zusammenbruch des Imperialismus, Faschismus und Sozialismus gibt es in der aktuellen Gesellschaftskrise keine aussichtsreiche Alternative. Die Finanzkrise entlässt ihre Erben und die stehen ratlos um die Scherben der zerbrochenen Weltwirtschaft versammelt.

Davos ist so ein Sammelort. Üblicherweise ein Ballyhoo für den Kapitalismus, gibt sich der kostspieligste und ergebnisloseste Debattierklub der Welt diesmal nachdenklich. Selten waren so viele Top-Manager, Banker und Geldgeber in den elitären Schweizer Skiort gereist, um mit den Staatenlenkern nach einem Glücksweg zu suchen. Ihre vordringlichste Intention heuer: Nur nicht zu viel Regulierung, bitte. Hat US-Präsident Barack Obama doch unlängst deutliche Ansagen an die Banken gemacht. Immerhin gibt es ein erfreuliches Signal vom Weltwirtschaftsforum: Der Lobbyismus zugunsten des freien Marktes hat sich abgeschwächt. Die Wirtschaftseliten haben offensichtlich etwas verstanden - oder nur Kreide gefressen.

Das Selbstbewusstsein haben dafür andere. Denn die Politik redet mit der Wirtschaft Tacheles. Das leidenschaftliche Plädoyer vom französischen Staatschef Nicolas Sarkozy für einen moralischen Kapitalismus und für weltweit verbindliche Regeln im Finanzsektor klingen nach Veränderungsbewusstsein. Allerdings kommt es spät und nicht von allen.

Denn die stärksten Sätze diktiert diesmal nicht ein Mann aus dem Westen in die Notzibücher der Manager. Sie stammen vom stellvertretenden Ministerpräsident Chinas. Es sei zwar noch Winter, sagt Li Keqiang, aber es sei spürbar, dass der Frühling der wirtschaftlichen Erholung beginnt. Und meint: Die Blumen werden nur deshalb wieder blühen, weil wir die Zwiebeln gepflanzt haben. China tritt in Davos als Kraftprotz auf, als Motor der Nachfrage. China fordert eine globale Regierungsführung und meint damit den eigenen Anspruch auf mehr Macht in der Welt. Globalisierung heißt in Zukunft nicht nur Geld, Unternehmer und Kunden rücken eng zusammen, sondern auch: China sitzt schon dick mittendrin und gibt den Ton an.

Das könnte sich als fatal erweisen. Denn gerade die Chinesen haben mit ihrer Geldpolitik ebenso wie die USA mit ihrer Konjunkturpolitik erheblich zur Finanzkrise beigetragen. Davos hätte zur ehrlichen Bestandsaufnahme werden können, um Fehler nicht zu wiederholen. Das hätte auch Vertrauen geschaffen. Diese Chance haben die Forumsteilnehmer verpasst.****

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