"Die Presse" - Leitartikel: Die Taliban sind nicht al-Qaida, von Thomas Seifert

Ausgabe vom 26.01.2010

Wien (OTS) - Kann man mit bewaffneten Gruppen wie den Taliban im Gespräch zu einer Friedenslösung kommen?

Qatschen, quatschen ist besser als Krieg, Krieg - diese Weisheit des Genius universalis Winston Churchill befolgt niemand genauer als Präsident Barack Obama. Nach dem Manichäer George W. Bush, der die Welt fein säuberlich in Schwarz und Weiß, Gut und Böse - aufgereiht entlang einer "Achse des Bösen" - eingeteilt hat, ist es höchst erfreulich, dass der US-Präsident, der am 25. Februar seine zweite Rede zur Lage der Nation halten wird, ein recht breites Grauwertspektrum kennt.
In seiner viel beachteten Rede vor Kadetten der Militärakademie West Point am 1. Dezember 2009 kündigte Obama an, den Krieg in Afghanistan auf eine neue Basis zu stellen: In Afghanistan tobt nach Meinung von Obama kein Endzeitkampf zwischen den Mächten des Lichts und jenen der Finsternis, sondern die USA verfolgen dort konkrete, bescheidenere Ziele.
Es gehe darum zu verhindern, dass al-Qaida in Afghanistan einen sicheren Ruheraum vorfindet, darum, die Taliban zurückzudrängen und zu verhindern, dass diese die Regierung stürzen können. "Wir müssen die Kapazitäten der afghanischen Regierung stärken, damit sie die Hauptverantwortung für die Zukunft des Landes übernehmen können." Jetzt muss Obama nur noch eine Sprache finden, damit das nicht zu sehr nach Rückzug klingt.

General Stanley McChrystal handelt sicher im Interesse seines Oberbefehlshabers Obama, wenn er in einem Gespräch mit der "Financial Times" ankündigt, mit den Taliban reden zu wollen. Die Taliban seien "Teil der politischen Landschaft" Afghanistans, sagt er dem Londoner Blatt, Afghanistans Präsident Hamid Karzai bekennt sich ebenfalls zu dieser Strategie.
Zuerst einmal muss klar zwischen al-Qaida und den Taliban unterschieden werden: Al-Qaida rekrutiert sich mehrheitlich nicht aus Afghanen, das "Geschäft" der Gruppe ist der internationale Terrorismus. Das Ziel der Taliban hingegen ist die Vertreibung der ausländischen Truppen aus dem Land am Hindukusch und die Herrschaft der Islamisten in Kabul und Islamabad. Während al-Qaida mit den Angriffen am 11. September 2001 den Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan provoziert hat, wollen die Taliban, dass die Amerikaner möglichst rasch wieder verschwinden.
Die Ziele der Taliban sind regional beschränkt, oft geht es um nichts mehr als die Wahrung wirtschaftlicher Interessen. Auffällig ist auch, dass die Sympathien für die Taliban starke regionale Unterschiede aufweisen. Die Volksgruppe der Paschtunen, die an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan leben, fühlen sich seit dem Sturz der Taliban-Regierung im Jahr 2001 benachteiligt und sind über die Regierung von Hamid Karzai alles andere als begeistert - obwohl Karzai selbst Paschtune ist.
Bietet man den Paschtunen bessere Repräsentation, dann kann man nicht ohne Grund darauf hoffen, dass sie ihre Feindseligkeiten gegen die Regierung in Kabul einstellen. Der sowjetische Afghanistan-Veteran Ruslan Auschew und spätere Präsident der zur russischen Föderation gehörenden Kaukasusrepublik Inguschetien meinte in einem Gespräch mit einem britischen General, der Westen würde die Fehler der Sowjetunion wiederholen. "Wir haben Partei ergriffen, genau wie jetzt die Koalitionstruppen: Ihr unterstützt einen Teil der Gesellschaft gegen den anderen", wird Auschew in der "Sunday Times" zitiert.

Die Taliban und al-Qaida sind keine untrennbar miteinander verbundenen siamesischen Zwillinge, was sie verbindet, ist eine symbiotische Beziehung. Was dem einen nützt, nützt auch dem anderen. Gelingt es nun, den gemäßigten Taliban-Elementen den Nutzen der Kooperation mit der Regierung in Kabul zu vermitteln, dann ist dies zum Schaden für al-Qaida - das wäre das Ende der Symbiose. Dennoch sollte sich niemand der Illusion hingeben, dass man mit den Hardcore-Elementen der Taliban handelseins wird. Aber der Versuch, gemäßigtere Elemente abzuspalten, könnte funktionieren. Die Minimalforderung: Die Taliban müssten die Bande zu al-Qaida kappen. Die Zeit drängt: Im Herbst 2011 wird es zehn Jahre her sein, dass US-Truppen ihren Stiefelabdruck auf afghanischem Territorium hinterlassen haben. Die Truppen der Sowjetunion mussten nach neun Jahren gedemütigt abziehen. Warum sollte es den Amerikanern nicht ähnlich ergehen?
Der Afghanistan-Veteran Auschew hält die Antwort parat: "Wir hatten den größten Teil der Welt gegen uns" - in London treffen die Vertreter von 44 Staaten zusammen, um gemeinsam einen Ausweg aus dem Afghanistan-Chaos zu finden.

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