"Die Presse" Leitartikel: EUchina statt Chimerica: Chancen in Fernost, von Thomas Seifert

Ausgabe vom 21.01.2010

Wien (OTS) - In den USA schwelgen die Strategen von Chimerica,
dabei ist die EU Chinas wichtigster Handelspartner.

China verwirrt. China überfordert. China verstört und begeistert zugleich. Neue Metropolen entstehen auf der grünen Wiese, 250 Millionen Menschen werden bis 2025 in die Städte ziehen, China hat Deutschland als weltweit wichtigster Exporteur abgelöst und ist im Krisejahr 2009 auf Platz drei der weltgrößten Volkswirtschaften aufgerückt. Gleichzeitig gibt es nirgendwo sonst so viele Todesurteile, und China hat die USA als schlimmster Umweltsünder der Welt abgelöst.

Man benötigt ein ganzes Arsenal von Superlativen, um die Entwicklung von Zh?ngguó, dem Reich der Mitte, in Worte zu fassen. Kein Wunder, schließlich ist der Aufstieg Asiens - und vor allem der Aufstieg Chinas - die größte, bedeutendste und spannendste Story unserer Zeit.

Dabei ist diese Entwicklung nichts anderes als die langsame Wiederherstellung der historischen Norm, denn die euroatlantische wirtschaftliche Dominanz wird mit dem Beginn der pazifischen Epoche schwinden. Im Jahr 1500 war die Weltwirtschaftskraft fein säuberlich zwischen Indien, China, Westeuropa und dem Rest der Welt geviertelt.

David Landes schildert in seinem exzellenten Buch "Wohlstand und Armut der Nationen", wie das aufgeklärte Europa im globalen Wettbewerb das autokratische China oder die theokratischen Länder der Arabischen Halbinsel immer weiter abgehängt hat. 1525 fällte der Kaiser Jiang, der elfte Kaiser der Ming-Dynastie, eine folgenreiche Fehlentscheidung, ließ alle hochseetauglichen Schiffe verbrennen und führte das Land in eine Ära der Isolation. Zu dieser Zeit hatten die Portugiesen bereits ihre ersten Handelsmissionen in China, und die europäischen Reichen schickten sich an, sich die halbe Welt untertan zu machen.

Die Dominanz Europas und ihre abtrünnigen ehemaligen nordamerikanischen Kolonien bleiben bis heute bestehen: Die EU steht im Wirtschaftsleistungsranking auf Platz eins, die USA auf Platz zwei, China, Japan und Indien belegen die weiteren Plätze.

Die immer schnellere Nivellierung der technologischen Überlegenheit des Westens und die dynamische demografische Entwicklung Asiens sind die beiden wichtigsten Faktoren für das Aufschließen Asiens an die westliche Welt.

Solche Überlegungen werden wohl auch in den Köpfen der österreichischen Delegationsmitglieder kreisen, die derzeit im Gefolge von Bundespräsident Heinz Fischer China bereisen.

Die Vertreter der österreichischen Wirtschaftselite finden in China Wachstumschancen vor, die in den krisengeschüttelten bisherigen Erfolgsmärkten wie Ungarn oder Rumänien auf Jahre wohl nicht zu erwarten sind. Das Leitmotiv der Manager und Industriellen lautet zwar weiterhin "nach Osten", doch nun geht es 60 bis 100 Längengrade weiter östlich als bisher.

Europa muss sich intensiver mit China auseinandersetzen. In den USA schwärmt man bereits von "G-2", einer informellen speziellen Beziehung zwischen beiden Großmächten.

Doch die US-Strategen sollten auf dem Teppich bleiben: Die EU - und nicht die USA - ist der wichtigste Handelspartner Chinas. Und das vom brillanten Harvard-Historiker Niall Ferguson in die Welt gesetzte Schlagwort "Chimerica", aus den zwei Wirtschaftsgiganten China und Amerika, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind, ist somit ebenfalls Unsinn - wenn schon, dann müsste man von EUchina sprechen.

Die EU wird es in ihrem Verhältnis zu China in den kommenden Jahrzehnten einfacher haben als die Vereinigten Staaten. Denn im Gegensatz zu den USA ist Europa keine pazifische Macht. Die Überlappung der Einflusszonen beider Länder wird zwangsläufig zu Konflikten führen. Und im Gegensatz zu den Amerikanern haben die Europäer die Transformationsprozesse postkommunistischer Gesellschaften am eigenen Leib erfahren oder kennen sie zumindest aus nächster Nähe.

Und auch wenn chinesische Diplomaten im Kaffeehausgespräch eine zukünftige "Sozialdemokratisierung" Chinas ins Reich der Fantasie verweisen, so bietet das europäische Modell des Wohlfahrtsstaats den Denkern der Zentralen Planungskommission in Peking interessantere Denkanstöße als der gerade kolossal gescheiterte Lehman-Brothers-Laisser-faire-Kapitalismus atlantischer Prägung.

Dazu kommt, dass Staaten, die auf Giftspritze und Guantánamo verzichten, im Menschenrechtsdialog mit China einfach glaubwürdiger sind.

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