Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Amerikaner ticken anders"

Ausgabe vom 21. Jänner 2010

Wien (OTS) - Dass in den USA jemand eine Wahl verliert, weil er
eine Krankenversicherung für alle einführen will, mag für Europäer etwas kurios klingen. Für das US-System ist es aber fast logisch. Wichtiger als die Sozialversicherung ist den meisten Amerikanern nämlich ihr Job.

Die Demokraten wurden in Massachusetts - neben einer Arroganz der Macht - abgestraft, weil sie sich zu wenig um Arbeitsplätze kümmerten. Seit Beginn der Krise sind in den USA etwa 7,6 Millionen Jobs verlorengegangen, die Arbeitslosenrate liegt offiziell bei zehn Prozent. Wegen der schlampigen Erhebungsmethode (telefonische Umfragen einmal monatlich) gehen US-Arbeitsmarktexperten von deutlich höheren tatsächlichen Zahlen aus.

Und in den USA hängt an einem Großteil der Jobs die Versicherung dran: Arbeitgeber bieten sie über private Assekuranzen an. Kein Job bedeutet auch: keine Krankenversicherung. Jene, die sich selbst versichern, können sie bei Arbeitslosigkeit auch nicht zahlen und fallen raus. (Nicht bezahlte Arztrechnungen sind in den USA der häufigste Grund für private Insolvenzen.)

Was ist von der blamablen Niederlage im Kernland der Demokraten also zu halten? Barack Obama wird seine Politik ganz anders anlegen müssen. Die Republikaner können mit dem gewonnenen Sitz viele Vorhaben nach Belieben verzögern. Es ist anzunehmen, dass Obama in der Innenpolitik angriffiger als zuletzt auftreten wird.

Ähnlich wie in Europa wird die US-Regierung in nächster Zeit alles tun, um den Arbeitsmarkt zu verbessern. Damit einher dürfte ein stärkerer Protektionismus der USA gehen. Denn noch mehr Steuergeld für die Ankurbelung der Wirtschaft wird Obama kaum mehr ausgeben können, das hohe Defizit verschreckt viele Amerikaner genauso.

Und Barack Obama wird lernen müssen, dass in einer so individualistisch eingestellten Gesellschaft wie der amerikanischen Solidarität kein besonders hoher Wert ist.

Europa dagegen kann Selbstbewusstsein angesichts seiner Institutionen zeigen: Das Gesundheitssystem ist nicht nur billiger als in den USA (dort sind die Preise für medizinische Leistungen deutlich höher), sondern es muss sich auch niemand ernsthaft Sorgen machen, wenn er krank wird.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/454

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
redaktion@wienerzeitung.at
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001