Häupl/Wehsely: Stolz auf 30 Jahre Wiener Psychiatriereform

Wien (OTS) - 240 MitarbeiterInnen, davon rund ein Fünftel ÄrztInnen, betreuen und behandeln bei den Psychosozialen Diensten in Wien jährlich deutlich über 10.000 PatientInnen im Rahmen von rund 150.000 Behandlungskontakten. Vor 30 Jahren wurden die Psychosozialen Dienste in Wien gegründet - und damit die Wiener Psychiatriereform eingeläutet. Damit wurde eines der in Umfang und Bedeutung größten gesundheitspolitischen Reformvorhaben der Zweiten Republik umgesetzt, ein grundsätzliches Umdenken setzte in ganz Österreich ein. Die Segel für die Psychiatriereform wurden von Univ. Prof. Dr. Alois Stacher, damals Wiener Gesundheitsstadtrat, und von Prof. Dr. Stephan Rudas, bis Ende Dezember Chefarzt des PSD, gesetzt. "Gerade nach den vielen Diskussionen der vergangenen Jahre gilt es klar und durchaus mit Stolz zu sagen: Die Wiener Psychiatrie funktioniert. Sie funktioniert dank ihrer guten und engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in PSD und KAV, die nicht nur hochprofessionell arbeiten, sondern auch das Herz am rechten Fleck haben", erklärten Bürgermeister Dr. Michael Häupl und Gesundheits- und Sozialstadträtin Mag.a Sonja Wehsely unisono am Dienstag im Rahmen des Mediengesprächs des Bürgermeisters.

Österreich und damit auch Wien hatten als Folge des Faschismus - bis weit in die 1970er Jahre mit massiven personellen, strukturellen und inhaltlichen Problemen in der psychiatrischen Versorgung zu kämpfen. Vieles auf kommunalpsychiatrischer Ebene, das sich im Wien der 1920er Jahre trotz schwierigster finanzieller Situation schon in großartiger Entwicklung befunden hatte, war von den Nazis zerstört und zerbrochen worden, die ProponentInnen vertrieben, die PatientInnen vielfach ermordet. Der Auf- und Umbau der Psychiatrie nach dem Krieg erfolgte unter schwierigen Bedingungen, zumal auch Personen wie Dr. Gross nach dem Ende des NS-Regimes ihre Karriere fortsetzen konnten und weiterhin maßgeblich in den Psychiatrien Österreichs wirkten. Die Wiener Psychiatriereform markierte hier einen Schlussstrich.

Wehsely: "1979 hatte Wien 3.858 Betten in der Versorgungspsychiatrie. Vier von fünf Aufnahmen erfolgten unfreiwillig. Es wurde wenig bis keine ambulante Struktur angeboten - mit Ausnahme einiger weniger FachärztInnen mit Kassenvertrag. Heute sieht Wien anders aus. Wir haben 500 Betten in den Wiener Krankenanstalten Otto-Wagner-Spital, Donauspital, Kaiser-Franz-Josef-Spital und 145 Betten im Psychiatrischen Krankenhaus Ybbs an der Donau. Drei von vier Aufnahmen in die stationäre Psychiatrie erfolgen freiwillig. In der Psychiatrie wird Angst immer eine Rolle spielen, aber: Wer sich freiwillig aufnehmen lässt, hat jedenfalls Vertrauen in die Versorgung."

Dr. Georg Psota, seit 1. Jänner 2010 neuer Chefarzt des PSD: "In Wien gab es 1979 rund 400 Suizide pro Jahr. Diese Zahl ist kontinuierlich auf 189 im Jahr 2008 gesunken. Damit ist es Wien als einzigem Bundesland gelungen, die Zahl von 1979 auf unter fünfzig Prozent zu drücken. Laut Weltgesundheitsorganisation ist das gesundheitspolitische Ziel, weniger als 15 Suizide auf 100.000 BewohnerInnen verzeichnen zu müssen. In Wien hatten wir hier im Jahr 2008 11,25."

Die Wiener Psychiatriereform seit 1979

Möglich wurde diese dimensionale Veränderung durch den Wiener Weg der integrierten Sozialpsychiatrie, durch Regionalisierung und Strukturierung der stationären Einheiten und gleichzeitigen Aufbau und Ausbau des PSD Wien. Es wurde ein Zielplan für die psychiatrische und psychosoziale Versorgung im Wiener Gemeinderat einstimmig beschlossen. Damit einher ging die Implementierung von acht eigenständigen regionalen Ambulatorien, die bezirksweise genauso regionalisiert sind wie die innerstationären Abteilungen und in Form von Krankenanstalten geführt werden. "Um diese modellhafte Struktur beneidet uns ganz Österreich und viele andere Großstädte Europas", betonte Wehsely.

In den frühen 1980er Jahren wurde neben der medizinischen Achse mit den Wiener Geschützten Werkstätten (WGW) eine bis dahin völlig neue Rehabilitationseinrichtung geschaffen. Der Nachfolger dieser Einrichtung, REiNTEGRA, ist mit 226 Arbeits-, Beschäftigungs- und Rehabilitationsplätzen mittlerweile die größte derartige Einrichtung in Europa und ein Trendsetter für die internationale Entwicklung.

Der PSD heute

In der Gegenwart bilden die Psychosozialen Dienste Wien ein ausgebautes Netzwerk zur Versorgung psychisch kranker Menschen. Neben jeweils einem Sozialpsychiatrischen Ambulatorium in jeder der acht Wiener Versorgungsregionen stehen psychiatrischen PatientInnen eine Vielzahl spezialisierter Behandlungseinrichtungen offen, zB für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gerontopsychiatrie, Krisenpsychiatrie sowie Psychotherapie. Darüber hinaus runden Psychosoziale Tageszentren und therapeutische Wohneinrichtungen das Angebot ab. "Die psychiatrische Versorgung ist kein Randphänomen, sie ist ein Bedarf inmitten der Gesellschaft. Die moderne Psychiatrie ist - vom Kindesalter bis in das hohe Lebensalter - den Menschen und nicht den Erkrankungen zugewandt, sie ist wertvoll und wichtig", konstatierte Psota.

Die medizinisch-therapeutische Versorgung erfolgt heute durch multidisziplinäre Teams aus FachärztInnen für Psychiatrie, psychiatrischem Krankenpflegepersonal, klinischen PsychologInnen, diplomierten SozialarbeiterInnen und anderen TherapeutInnen.

Die psychosoziale Versorgung von morgen

Für die Zukunft ist mit einem weiter wachsenden Bedarf von psychiatrisch-psychosozialen Leistungen zu rechnen, da psychiatrische Erkrankungen generell und weltweit häufiger werden. "Wir werden wohl in Zukunft in Europa und in den Industrienationen damit umzugehen haben, dass jeder dritte Mensch zumindest einmal im Leben psychisch erkrankt. Dieser Entwicklung ist Rechnung zu tragen", so Psota. Insgesamt sind aber psychiatrische Erkrankungen heute sehr gut behandelbar und haben hohe Heilungschancen. Früherkennung und frühzeitiger Behandlungsbeginn sind dafür aber wesentlich. "Vorbehalte gegenüber psychisch Erkrankten, die viel diskutierte Stigmatisierung, haben heute keinen Platz mehr. Wenn das Thema jeden dritten Menschen im Laufe des Lebens betrifft, dann geht es ausschließlich um gesellschaftliche Integration."

Die Stadt Wien setzt weiterhin auf den Ausbau der psychosozialen Versorgung. "Die Wiener Psychiatriereform wird Schritt für Schritt voran getrieben. Für dieses große und wichtige Projekt im Dienste der Wiener PatientInnen müssen viele einzelne Maßnahmen gesetzt werden -und viele Menschen und Institutionen zusammen arbeiten", wies Wehsely auf die hohe Qualität der Zusammenarbeit unterschiedlichster Versorgungsbereiche in Wien hin.

"Mit der für heuer geplanten Fertigstellung der neuen Krankenpflegeschule im Kaiser-Franz-Josef-Spital kann der Schulstandort im Herbst von der Rudolfstiftung dorthin übersiedeln. Mitten im dicht verbauten dritten Bezirk wird damit Platz für die neue Psychiatrische Abteilung für die Bezirke 3 und 11 geschaffen. Weitere Vorhaben sind die Übersiedlung der Abteilungen für die Bezirke 17 bis 19 ins Wilhelminenspital, für die Bezirke 20 und 21 ins neue Krankenhaus Nord sowie für die Bezirke 12, 13 und 23 ins Krankenhaus Hietzing", schloss die Gesundheitsstadträtin.

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