"KURIER"-Kommentar von Ricardo Peyerl: "Zurück ins Mittelalter"

Ein gebürtiger Türke stach seine trennungswillige Frau nieder: Ist das "begreiflich"?

Wien (OTS) - Der treu sorgende Ehemann erwischt seine angebetete Ehefrau mit einem Fremden im Bett. Dass der Gehörnte ausrastet und mit einem Küchenmesser, das ihm zufällig in die Hände fällt, die Frau oder den Nebenbuhler oder beide attackiert, kann man vielleicht nachvollziehen: Das ist der klassische Totschlag. Und es sollte keinen Unterschied machen, ob der betrogene Ehemann Türke oder Österreicher ist.
Freilich prägen Herkunft, Erziehung und soziales Umfeld jeden Menschen, diese Einflüsse müssen bei der Beurteilung einer Tat berücksichtigt werden. Aber das darf nicht so weit gehen, die Abstammung zum Freibrief zu machen, wie kürzlich in einem Urteil geschehen (siehe Seite 4). Nach dem Motto: Das ist bei denen halt so Sitte. Als Nächstes zeigt man bei Gericht Verständnis dafür, dass Väter ihre Töchter umbringen, wenn sich die ihren Ehemann selbst aussuchen wollen. Nach der Devise: Zwangsverheiratung ist halt dort so Brauch.
Nichts gegen die Tradition, die sich Eingewanderte bewahren wollen und sollen. Aber ein Urteil, das knapp am Tod vorbeigeführte Messerstiche gegen eine scheidungswillige Ehefrau "allgemein begreiflich" findet, wirft uns zurück ins Mittelalter. Abgesehen davon spottet es jedem Integrationsversuch Hohn.

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/129

Rückfragen & Kontakt:

KURIER, Redaktion Chronik
Tel.: (01) 52 100/2659

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0002