Die Presse - Leitartikel: Wenn "2012" schon 2010 stattfindet, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 16.01.2010

Wien (OTS) - Irgendwie unbehaglich, sich mit Bildern zu
unterhalten, die in Haiti über Nacht Wirklichkeit geworden sind.

Welchen Sinn haben kollektive Katasstrophenvorstellungen - von der Apokalypse des Sehers in Patmos bis zu Roland Emmerichs "2012"? Früher waren sie wohl in erster Linie Instrumente der moralischen Ertüchtigung. Es sollte den Menschen vor Augen geführt werden, welche grausamen Auswirkungen moralisches Fehlverhalten für den Einzelnen, aber auch für das menschliche Kollektiv haben können. Einige dieser "Apokalypsen", der "Offenbarungen" der Auswirkungen individuellen und kollektiven Fehlverhaltens, waren mit einem Happy End ausgestattet:
Die Heilszusage des Gottes der christlichen Offenbarung etwa bleibt durch all das Grauen und Leiden hindurch, das menschliche Schwäche und Bosheit verursachen, aufrecht. Am Ende triumphieren die Kräfte des Lichts über die Kräfte der Finsternis.
Die religiösen Machthaber haben es immer verstanden, diesen Krieg am Ende der Welt auch ins Diesseits hereinzuholen: Die absolute Definitionsmacht über alles Moralische erlaubte es ihnen, einzelnen Menschen oder Gruppen schon hier und heute die Hölle zu bereiten, die in der religiösen Literatur erst am Ende der Tage stattfindet. Die katholischen Folterkammern und Scheiterhaufen des Mittelalters unterscheiden sich da kaum von den Bomben jihadistischer Attentäter unserer Tage.

In machen zeitgenössischen Apokalypsevorstellungen spielt das Motiv der moralischen Ermahnung zur Vermeidung späterer Katastrophen noch immer eine große Rolle: In der Klima-Apokalyptik etwa, in der die qualvoll verendenden Eisbärenbabys und verdurstenden Menschenkinder der Zukunft die Konsumenten der Gegenwart vom exzessiven Gebrauch des Individualfahrzeugs und unnötigem Stromverbrauch abhalten sollen. Besonders dumme Bischöfe und Priester erklären noch gelegentlich, dass Naturkatastrophen Gottes Strafe für die sexuellen und sonstigen Ausschweifungen unserer Tage seien. Flächendeckend funktioniert dieses System heute nicht mehr.
Wenn du Böses tust, wirst nicht nur du dafür bestraft werden, sondern du wirst mitschuldig am qualvollen Ende der ganzen Menschheit: Diese Drohung hat funktioniert, solange die geistlichen Moralbeamten über ausreichend exekutive Macht verfügt haben. Und solange der radikale Individualismus gesellschaftlich als bemitleidenswerte Eigenschaft einiger weniger überspannter Exzentriker gegolten hat. Heute zuckt der wohlstandsverwahrloste Durchschnittsmensch auf den Vorwurf, er schädige mit seinem Verhalten nicht nur sich, sondern auch andere, höchstens mit den Schultern: Ja, ja, die Globalisierung.
Weil die moralischen Zentralanstalten nicht mehr existieren, haben auch auf diesem Gebiet die Kassiere die Macht übernommen: Kollektive Katastrophenszenarien dienen, das gilt im Übrigen wohl auch für die Achtungserfolge moralisierender Klima-Apokalyptiker, ökonomischen Zielen. Mit der Angstlust des Menschen lässt sich kaum noch Verhalten beeinflussen, aber man kann Geld damit verdienen. Die Herstellung grässlicher Bilder vom Ende der Welt sollte immer schon einen direkten Bezug zu unserem heutigen Dasein herstellen. Früher wurden wir zum Anblick solcher Bilder gezwungen, damit wir unser Leben ändern. Heute zahlen wir für den Anblick solcher Bilder, um unser Leben zu spüren.

Wenn die großen Katastrophen der apokalyptischen Erzählungen Wirklichkeit werden, weil ein Tsunami zweihunderttausend Menschen in den Tod schwemmt oder ein Erdbeben hunderttausend unter den Trümmern ihrer Häuser begräbt, wird für kurze Zeit die Wirkung der künstlichen Angstlustbilder beeinträchtigt: Das Wissen darum, dass solche Szenarien Wirklichkeit werden können, scheint in vielen von uns einen Rest des ursprünglichen moralischen Drohkonzepts zu reaktivieren. Wir finden es irgendwie unanständig, uns mit Bildern zu unterhalten, die in einigen tausend Kilometern Entfernung Wirklichkeit geworden sind. Unser Leben ändern wir natürlich dennoch nicht - warum denn auch, unser soliderer Lebenswandel würde die tektonischen Platten nur mäßig beeindrucken. Aber vielleicht spenden wir etwas Geld. Die Spendentätigkeit im Katastrophenfall ist vielleicht so etwas wie der späte Nachhall der Idee, dass individuelles Verhalten kollektive Auswirkungen hat - und daher auch die Folgen in unsere Verantwortung fallen. Und zumindest, was die Spenden betrifft, stimmt das sogar.

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