Jank holt internationalen Bildungsexperten nach Wien

Studie: Rd. 70 % der Wiener Betriebe haben Schwierigkeiten, geeignete Lehrlinge zu finden - Größte Schwächen bei Mathematik - WK Wien setzt auf internationale Erfahrungen

Wien (OTS) - 15.1.2010 - Wien, 15.01.2010 - Derzeit sind über 18.000 Lehrlinge in Wien in Ausbildung. "Die Ausbildung der Fachkräfte von morgen hat einen hohen Stellenwert im Bewusstsein der Wiener Betriebe", sagt Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien. Allerdings klagen 68 Prozent der Wiener Unternehmen über Schwierigkeiten, geeignete, qualifizierte Jugendliche zu finden, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft IBW im Auftrag der Wirtschaftskammer Wien zeigt, für die 300 Wiener Betriebe aus allen Branchen befragt wurden. Seit Jahren geht das Niveau der Pflichtschulabsolventen zurück. Immer mehr Schulabgänger verfügen über nur geringe Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben, Rechnen. Die Wirtschaftskammer Wien hat deshalb den international renommierten und erfahrenen dänischen Bildungsexperten Prof. Hans Henrik Knoop und die Lesestilexpertin Susanne Aabrandt zu Expertengesprächen nach Wien eingeladen.

Details der Studie

Mit folgenden Fähigkeiten der Jugendlichen sind Wiener Betriebe nicht oder gar nicht zufrieden:
Mathematik: 54%
sprachliches Ausdruckvermögen: 35%
logisches Denken: 35%
technisches Verständnis: 33%
gute Schulnoten im Allgemeinen: 44%

Die Ergebnisse der Umfrage sind umso alarmierender, als die Unternehmer genau auf jene Qualifikationen besonderen Wert legen, in den die Jugendlichen schlecht abschneiden. Denn für Unternehmer ist besonders wichtig:
Logisches Denken: 98%
Sprachliches Ausdrucksvermögen: 95%
Mathematik: 84%
Technisches Verständnis: 65%
Gute Schulnoten im Allgemeinen: 79%

Jank: "Die Unternehmen legen Wert auf Basiskenntnisse, die sie voraussetzen. Es ist für die Betriebe nicht möglich und auch nicht zumutbar das nachzuholen, was die Jugendlichen in der Schule nicht gelernt haben."

Erfahrungsberichte aus der Praxis

Johann Burgstaller, Unternehmer und Innungsmeister der Wiener Tischler, kennt die Probleme nur zu gut: "Wir bilden seit 25 Jahren kontinuierlich Lehrlinge aus und sind uns der Verantwortung den Jugendlichen gegenüber bewusst. Das Basiswissen der jungen Menschen ist in den letzten Jahren alarmierend stark abgefallen, sodass nur mehr einige wenige den Berufsanforderungen gewachsen sind. Wo sind geeignete, engagierte und praxisorientierte Jugendliche, die noch in der Lage sind, die umfangreichen Facetten eines Berufes auch zu erlernen? Wir brauchen dringend qualifizierte Facharbeiter mit guten Ideen und Freude am Beruf."

Wie schwierig es ist, gut ausgebildete Jugendliche zu finden, betont auch Thomas Huber, Ausbildungsleiter für den Hoch- und Ingenieurbau in Wien bei der Strabag AG: "Im Frühjahr 2009 haben wir 104 jugendliche Bewerber zu einem Eignungstest eingeladen. Dieser Test gliedert sich in die Bereiche sprachliches Ausdrucksvermögen, Rechnen, Allgemeinwissen und Logik. Nur neun Prozent haben die notwendige Mindestpunktezahl erreicht, um zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden."

Aufwändige Auswahlverfahren

Ein Ergebnis der Studie ist, dass die Unternehmen bei der Suche nach Lehrlingen sehr viel Zeit und Geld investieren und viele unterschiedliche Auswahlverfahren anwenden. Wiens Betriebe setzen auf:
Persönliche Auswahlgespräche: 99%
Praktische Tests: 61%
Schnupper-Lehrtage: 58%
Schriftliche Tests: 48%
Praktikumsplätze: 34%
Potenzialanalyse: 21%
Assessment Center: 11%

WK Wien sucht neue Ansätze für heimisches Bildungssystem

Für Wirtschaftskammer Wien-Präsidentin Jank sind die Studienergebnisse eine Bestätigung ihrer langjährigen Forderungen im Bildungsbereich - etwa nach Einführung verpflichtender Mindest-Bildungsstandards in den Pflichtschulen oder Bildungs- und Berufsorientierung in allen Schultypen.

Darüber hinaus setzt die Wirtschaftskammer Wien auf einen wissenschaftlichen Diskurs, bei dem internationale Best-Practice-Beispiele analysiert und auf ihre Umsetzbarkeit in Österreich geprüft werden. Dazu hat Jank den international renommierten und erfahrenen dänischen Bildungsexperten Prof. Hans Henrik Knoop nach Wien eingeladen.

Knoop, der auch als Professor an der Universität Aarhus lehrt und forscht, hat in der vergangenen Dekade weltweit Erfolge mit der Qualifizierung von Jugendlichen und Erwachsenen für das Arbeitsleben gefeiert - unter anderem in Forschungsprojekten gemeinsam mit den Universitäten Harvard, Stanford mit der Claremont Graduate University. Zusätzlich hat er maßgeblich an der Entwicklung des dänischen Fernsehformats "Plan B" mitgewirkt, in dessen Zentrum die Ausbildung Jugendlicher steht und das in Dänemark die zweithöchsten Einschaltquoten überhaupt erreicht hat. Die erste Staffel wurde 2007 für die Verleihung der Goldenen Rose von Montreux nominiert.

Sechs Thesen für eine erfolgreiche Jugend-Qualifizierung

Knoops Ansatz besteht vor allem darin, durch gezielte Förderung die spezifischen Defizite der jugendlichen Lehrstellensucher auszubessern und die Jugendlichen in kurzer Zeit fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Für die Unternehmen soll damit gesichert sein, dass Bewerber das Bildungsniveau mitbringen, auf dem eine Lehrausbildung aufbaut. "Ein interessantes und kurzweiliges Umfeld ist Voraussetzung für effizientes Lernen. Oft wird noch immer unterrichtet wie vor 100 Jahren", sagt Knoop.
Konkret baut Prof. Knoop seine Arbeit auf sechs Thesen auf:

? These 1: Die Jugendlichen brauchen gute Rahmenbedingungen, um Lernerfolge erreichen und Kreativität entfalten zu können. Dazu gehören gut ausgebildete Lehrer, eine gute örtliche Situation in den Schulen, gesunde Lebensführung etc.
? These 2: Die Jugendlichen brauchen einen Unterricht, der auf ihre individuellen Stärken aufbaut und über diesen Weg zu Lernerfolgen auch in schwächeren Bereichen führt.
? These 3: Die Jugendlichen brauchen ein Lernumfeld, das motivierend ist und Freude bereitet und die Wahrscheinlichkeit des Ausbildungserfolgs optimiert.
? These 4: Die Jugendlichen brauchen Herausforderungen, die auf einen tatsächlich bedeutenden Nutzen für den privaten, öffentlichen oder gesellschaftlichen Bereich abzielen und dadurch eine persönliche Bereicherung empfinden lassen.
? These 5: Die Jugendlichen brauchen soziale Beziehungen, die für sowohl eine Kombination aus wohlwollender Unterstützung wie stimulierenden Antrieb sorgen.
? These 6: Die Jugendlichen brauchen ein Instrument, das es ihnen ermöglicht, laufende Anpassungen ihres Engagements in Abstimmung mit ihren Stimmungslagen durchzuführen, um Erfolge wie auch frühzeitige Warnsignale zuzulassen.

Prof. Knoop: "Auf der ganzen Welt sehen wir Schulen, in denen Studenten in einer Kultur der Langeweile eingeengt werden und einer Herabwürdigung ausgesetzt sind, die komplett gegen die grundlegenden Bildungsideale aufgeklärter Bürger gerichtet ist. Solche Kulturen bringen nicht nur Schüler zu einem ineffektiven Lernen, sie behindern auch die Kreativität und fördern soziale Verantwortungslosigkeit als Reaktion auf die erfahrene Schwäche und Hilflosigkeit."

"Die internationale PISA-Studie hat gezeigt, dass unterschiedliche Bildungssysteme zu unterschiedlichen Ergebnissen führen", sagt Jank. Hier möchte die WK Wien ansetzen und gemeinsam mit Professor Knoop die Vor- und Nachteile der einzelnen nationalen Ausbildungswege analysieren. Ziel ist es, Wege zu finden, mit denen Jugendliche, die aufgrund mangelnder Qualifikation keine Lehrstelle gefunden haben, wieder eine realistische Chance am Arbeitsmarkt bekommen.

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