"Die Presse" Leitartikel: Softwaregigant versus Supermacht, von Thomas Seifert

Ausgabe vom 14.01.2010

Wien (OTS) - Googles Entscheidung, die Suchergebnisse in China
nicht mehr zu zensieren, erntet viel Applaus. Zu Recht?

Blumen vor der chinesischen Firmenzentrale, heftiger Applaus von den Menschenrechtsorganisationen. Google, der 21,8-Milliarden-Umsatz-Mediengigant, ist nach seiner Ankündigung, sich künftig nicht mehr den chinesischen Zensurbestimmungen zu unterwerfen, plötzlich ein sympathischer Freund und Helfer im Internet, der seinem Firmenmotto treu bleibt: "Don't be evil" - "Sei nicht böse".

Abgesehen davon, dass sich ein Konzern mit einem Börsenwert von 190 Milliarden Dollar Kategorisierungen von "gut" oder "böse" entzieht, stellt sich die Frage: Was steckt hinter der Geschichte?

Nachdem ein elaborierter Versuch von chinesischen Hackern, die an die auf Google-Servern liegenden E-Mails von chinesischen Dissidenten gelangen wollten, aufgeflogen war, kündigte Google "eine neue Herangehensweise an China" an. Der Konzern kündigte an, ab sofort die von der Regierung geforderten Zensurmaßnahmen nicht mehr länger umzusetzen.

Gesagt, getan. Wer nun auf der chinesischen Google.cn-Seite in Peking, Shanghai oder Guangzhou nach "Tian'anmen-Massaker" sucht, bekommt erstmals die Bilder des "Panzermanns" serviert, der sich nach dem Tian'anmen-Massaker einsam einer Panzerkolonne in den Weg stellte. Bis dato blieben Google-Suchanfragen dieser Art - oder zu Falun Gong oder dem Dalai Lama - ergebnislos, nun sind die Zensurfilter offenbar deaktiviert.

Als Google im Jahr 2006 startete, hagelte es Kritik - die Kritiker sprachen angesichts des Suchergebnisfilters von Kollaboration mit den chinesischen Zensurbehörden. Zuvor hatte der unrühmliche Fall Yahoo für Aufruhr gesorgt. Der Mitbewerber Googles war 2004 ins Kreuzfeuer der Kritik gekommen, weil der Konzern die E-Mails des Dissidenten und Journalisten Shi Tao an die Behörden übergeben hatte und dieser nicht zuletzt wegen seiner E-Mail-Korrespondenz zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Sein "Verbrechen": Er hatte Menschenrechtsaktivisten im Ausland die Instruktionen, wie die Berichterstattung über das Tian'anmen-Massaker von 1989 in chinesischen Medien zu zensieren sei, über Yahoo-Mail zugespielt.

Wie ist nun Googles Protest gegen Internetzensur in China zu werten? Ist es nichts weiter als ein genialer PR-Schachzug einer Multimedia-und Internetsupermacht, die zuletzt in Europa und den USA ins Gerede gekommen ist?

Google bläst nämlich seit Monaten der Wind ins Gesicht. Datenschützer beklagen, der Konzern würde riesige Datenmengen über die Internetuser sammeln: Das Hamburger Nachrichtenmagazin "Spiegel" titelt beispielsweise diese Woche "Google - der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie selbst". Zeitungsmoguln wie Rupert Murdoch (selbst im Geschäftsleben nicht eben zartbesaitet) jammern über "Datenschmarotzertum": Der Konzern würde mit den Inhalten traditioneller Medienkonzerne - unter anderem seiner News Corporation - viel Geld verdienen und gleichzeitig deren Geschäftsmodell zerstören.

Da kommt Positiv-PR wie gerufen.

Andererseits riskiert die Firma mit ihrem jüngsten Schritt Ertragseinbußen in Höhe von 200 Millionen Dollar im Jahr und die Vertreibung aus einem der wichtigsten Zukunftsmärkte. Denn es tummeln sich heute schon 360 Millionen chinesische User im Internet -und die Tendenz ist weiter stark wachsend. Würde also Google ein derartiges Risiko nur für einen PR-Gag eingehen? Wohl kaum.

Womit wir wieder beim bereits erwähnten Hackervorwurf Googles an chinesische Stellen wären. Die Anschuldigungen sind so schwerwiegend, dass sie sogar von Außenministerin Hillary Clinton wiederholt wurden.

Eine unzynische Betrachtung der Google-Entscheidung führt zu einem weiteren Schluss: Von Sergei Brin, einem der beiden Google-Gründer mit russisch-jüdischen Wurzeln, weiß man, dass er eine ausgeprägte Abneigung gegen autoritäre Regimes hat. Brin soll vor dem Start das Engagement des Konzerns im Reich der Mitte mit einem "Böse"-Maßstab abgewogen haben. Damals lautete sein Urteil: Eine zensurierte Google-Website in China sei besser als gar keine.

Kann sein, dass sich dieser Maßstab jetzt verschoben hat. Google gewinnt in China jedenfalls an Glaubwürdigkeit. Und da jeder halbwegs begabte Computeranwender ohnehin weiß, wie man die Internetsperren umgehen kann (etwa mit der Software Freegate), wird die Website zugänglich bleiben, auch wenn die chinesischen Zensurbehörden Google zu sperren versuchen.

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