Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Angst vor sich selbst"

Ausgabe vom 9. Jänner 2010

Wien (OTS) - Europa versucht wieder einmal, sich selbst zu definieren. Nach der pompös gescheiterten "Lissabon-Strategie", die Europa zum Wirtschaftsraum mit der größten Dynamik hätte machen sollen, heißt das neue Schlagwort "2020". In den kommenden zehn Jahren soll Europa wettbewerbsfähiger werden, so der nun eher verhaltene Tenor der neuen Strategie.

Warum Europa aber ein so geringes Selbstbewusstsein zeigt, bleibt ein Rätsel. Die EU ist der größte Wirtschaftsraum der Welt und beherbergt nach wie vor die leistungsfähigste Industrie. Die sozialen Netze sind enger gespannt als in Amerika oder in Asien (vor allem China und Indien). Es hat sich gezeigt, dass dies in Krisenzeiten den privaten Konsum stabilisiert.
Freilich gibt es einen großen ökonomischen Zangenangriff aus Amerika und China auf Europa. Doch der ist nicht zu lösen mit Strategiepapieren und Sondergipfeln der Regierungschefs, sondern mit mehr Kooperation. Spötter meinen, dass Europa auf dem Weg zu einer gigantischen Schweiz sei.

Das wäre zu beheben, indem sich die EU darauf einigt, in den internationalen Organisationen mit einer Stimme zu sprechen. Ansätze (wie beim Klimagipfel oder bei den Welthandelsvereinbarungen) gibt es, aber das muss deutlich ausgebaut werden. Möglich wird das, wenn die großen EU-Länder ihre nationalen Eitelkeiten aufgeben.

Wirtschaftlich hat sich gezeigt - beispielsweise an Griechenland -, dass es die normative Kraft des Faktischen gibt: Ein einziges Land kann den Euro-Kurs beeinflussen. Hier muss die EU einfach früher einschreiten können. Die EU-Beamten wissen seit Jahren, dass die griechischen Zahlen das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen.

Statt also irgendwelche fernen Ziele anzusteuern, sollte die EU ihre Abläufe anpassen. Das ist nicht besonders sexy, aber es bringt eine Ausdauer, die andere Wirtschaftsräume erst unter Beweis stellen müssen. Die Warnungen vor der "Blasenbildung" in China zeigen, dass auch im neuen Wirtschaftswunderland die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Europa sollte aufhören, Angst vor sich selbst zu haben. Der Kontinent kann im globalen Wettbewerb locker bestehen, wenn der Kompass in allen Mitgliedsländern dieselbe Richtung anzeigt.

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