"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die fragwürdige Wahl tödlicher Waffen" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 6. Jänner 2010

Innsbruck (OTS) - Man mag sich nicht vorstellen müssen, wie es
ist, mit einer (Schuss-)Waffe bedroht zu werden. Man mag sich auch nicht vorstellen, wie es ist, einen Menschen zu erschießen. Das schaut nur in US-amerikanischen Fernsehserien einfach aus. Und womöglich sogar lässig. Aber glücklicherweise werden die allermeisten Österreicherinnen und Österreicher in ihrem Leben weder in die eine noch in die andere Situation kommen.

Dennoch ist Volkes Stimme schnell mit fertigen Meinungen bei der Hand, wenn - wie am Montagabend in Wien - ein Trafikant einen Räuber erschießt: Der Räuber sei "selbst schuld", ihm sei "Recht geschehen", die "Heldentat" des Trafikanten werde abschreckend wirken.

Ob der Trafikant sein Recht auf Notwehr exzessiv interpretierte, indem er auf den Mann schoss, der ihn mit einer Schreckschusspistole bedrohte, muss ein Gericht klären. Letztlich steht hier aber nicht nur eine strafrechtliche, sondern auch eine ethische Frage zur Debatte: Ist es angemessen, materielles Eigentum mit einer archaischen Aggression gegen das Leben des Angreifers zu verteidigen?

Unabhängig davon ist festzuhalten: Wer eine geladene Schusswaffe unter dem Ladentisch bereithält, ist darauf eingestellt, sie auch zu gebrauchen - wissend, dass gerade Trafikräuber in aller Regel keine Profikriminellen, sondern verzweifelte (häufig drogenkranke) Existenzen sind, die sich vielleicht auch mit einem Pfefferspray verjagen ließen.

Internationale Studien, u. a. von Harvard-Medizinern, zeigen: Wo Schusswaffen in den Händen von Zivilpersonen vorhanden sind, werden sie irgendwann auch eingesetzt. Und Zivilisten zu bewaffnen, führt nicht zu einem Rückgang der Kriminalität, sondern nur dazu, dass die Anzahl der Opfer von Schussverletzungen massiv steigt - und zwar bei Verbrechensopfern wie bei Verbrechern.

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