"Die Presse" Leitartikel: Wie wirklich ist die Politik?, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 31.12.2009

Wien (OTS) - Ob Kanzler, Minister und Landeshauptleute tatsächlich existieren, ist ungewiss. Wir tasten uns Richtung 2010.

Der Originalitätsdruck gehört zu den härtesten Anforderungen, die der zeitgenössische Journalismus an seine Ausüber stellt. Am stärksten unter allen Journalisten haben die politischen Journalisten mit dem Originalitätsdruck zu kämpfen. Am meisten unter den politischen Journalisten der Welt aber haben die österreichischen innenpolitischen Journalisten unter dem Originalitätsdruck zu leiden. Was unterscheidet den Originalitätsdruck, dem der österreichische innenpolitische Journalist ausgesetzt ist, vom Originalitätsdruck, dem der Rest der journalistischen Welt ausgesetzt ist? Der Originalitätsdruck in der übrigen journalistischen Welt ist ein Wettbewerbsdruck. Das explosionsartig vergrößerte mediale Angebot macht es notwendig, eigene Erzählweisen und Bildsprachen zu entwickeln, die bei den Konsumenten für Erkennbarkeit und Wiedererkennbarkeit sorgen. Nur was sich aus dem monströsen, überall und jederzeit verfügbaren, ununterscheidbaren Nachrichtenstom heraushebt, hat eine Chance.
Der Originalitätsdruck, der auf dem österreichischen innenpolitischen Journalisten lastet, geht aber weit darüber hinaus. Denn der österreichische innenpolitische Journalist hat überwiegend mit mangelhaft gebildeten, schlecht gekleideten, kulturell uninteressierten und vollkommen charismafreien Ochsentourabsolventen zu tun, die ihre Karriere dem Umstand verdanken, dass sie in der Lage sind, akustische und optische Signale ihrer parlamentarischen Beaufsichtiger per Handzeichen in Abstimmungsergebnisse umzusetzen. Um diese Erfahrungen so darzustellen zu können, als ereigne sich in Österreich etwas, das man nach herkömmlichen Maßstäben "Innenpolitik" nennen könnte, reicht Originalität nicht aus. Es bedarf es äußersten Form journalistischer Zuspitzung: der Wirklichkeitskonstruktion.

Gerade die letzten Wochen dieses Jahres haben gezeigt, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion in der österreichischen Politik fließend sind. Ob die Verstaatlichung der Hypo Alpe Adria mit allen ihren Begleiterscheinungen - vom Verhalten der Kärntner Landesregierung bis zur versuchten Fusion zwischen FPÖ und BZÖ-Kärnten - wirklich stattgefunden hat, lässt sich schwer sagen. Wer nicht auf persönliche, auf physischer Anwesenheit beruhende Erfahrungen zurückgreifen kann, ist verloren. Was an medial vermittelten Bildern aus der österreichischen Politik in die Welt kommt, wird ein Mensch, der jeden Tag einer geregelten Arbeit nachgeht, die den Kontakt mit höheren Primaten einschließt, mit einem gehörigen Maß an Vorsicht genießen. Denn diese Bilder und Töne sind so weit außerhalb seines Erfahrungshorizonts angesiedelt, dass der Verdacht der Fiktion sehr nahe liegt.
Die Hoffnung, dass wir es mit einem Kärntner Sonderphänomen zu tun hätten, ist trügerisch: In Niederösterreich, Wien oder im Burgenland ist es nicht anders. Die Palette der Beispiele reicht von der Volksbefragungsinitiative des Wiener Bürgermeisters bis zu den Planungen eines Erstaufnahmezentrums für Asylwerber im burgenländischen Eberau. Ob Michael Häupl das, was wir in den Zeitungen lesen, jemals gesagt hat, ist schwer zu sagen. Auch die Innenministerin bewegt sich in Tonalität und Wortwahl so weit weg vom täglichen Erlebnishorizont eines deutschsprachigen Erwachsenen, dass jemand, der nicht dabei gewesen ist, sich nicht sicher sein kann, ob es sich nicht doch um ein "maschek"-Video handelt.

Oder die Jahreswechsel-Inserate, die der Bundeskanzler und der Finanzminister heute auch in dieser Zeitung schalten: Für jemanden, der, aus einer regelmäßigen Beschäftigung mit gelegentlichem Schriftverkehr kommend, unschuldig auf diesen Buchstabenhaufen stößt, ist die Frage, ob es sich dabei um einen Text der österreichischen Regierungsspitzen oder um eine bösartige Fälschung handelt, nicht so einfach zu beantworten.
Für innenpolitische Journalisten ist das, trotz oder vielleicht auch wegen des gelegentlichen Kontakts mit ziemlich echt wirkenden Surrogaten von Kanzlern, Ministern und Landeshauptleuten, nicht viel leichter. Der in der Regel als harmloser Ausdruck der Überraschung gebrauchte Ausruf "Darf denn das wahr sein?" trifft den innenpolitischen Journalisten mit der vollen Wucht seiner vielfältigen Bedeutungen. Wir bewegen uns, was die Beschreibung von so etwas wie politischer Realität betrifft, seit längerer Zeit auf dünnem Eis.
Mit etwas Glück brechen wir 2010 an der einen oder anderen Stelle ein.

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