DER STANDARD-KOMMENTAR "Ein doch nicht so tolles Börsenjahr" von Eric Frey

Die Teilerholung nach dem Aktiencrash rechtfertigt noch keinen großen Optimismus - Ausgabe vom 31.12.2009/1.1.2010

Wien (OTS) - Der Schein trügt: So gut war das Börsenjahr 2009 nun auch wieder nicht. Zwar haben alle wichtigen Börsenindizes seit Jahresanfang zweistellige Zuwachsraten verzeichnet - der Dow-Jones-Index 22 Prozent, der Frankfurter Dax 25 Prozent, der Wiener ATX sogar 40 Prozent.
Allerdings wurde mit diesen Gewinnen bloß ein Teil der noch viel größeren Verluste des Vorjahres wettgemacht. Eine solche Kurskorrektur ist nach einem Börsencrash fast unvermeidlich, weil Investoren beim panikhaften Abverkauf genauso übertreiben wie beim Bilden einer Aktienblase.
Die Mutigen, die in den ersten Monaten des Jahres Aktien gekauft haben, konnten sich eine goldene Nase verdienen. Aber für die große Mehrheit der Anleger, die auf ihren reduzierten Beständen einfach sitzengeblieben sind, war das Börsenjahr nur ein schwacher Trost. In New York liegen die Kurse im Durchschnitt um ein Viertel unter den Höchstständen, in Wien sogar noch um die Hälfte. Von einem ATX über 5000 wie im Juli 2007 können heimische Investoren nur träumen. Auch beim übrigen Börsengeschehen ist man von einer wirklichen Gesundung noch weit entfernt. Große börsennotierte Unternehmen konnten zuletzt die Börsen über Kapitalerhöhungen wieder erfolgreich anzapfen, aber der Markt für Neuemissionen, der beste Maßstab für die Stärke einer Börse, ist weiterhin im Tiefschlaf.
Wer die Kurse über das ganze Jahrzehnt betrachtet, der hat Grund, an der langfristigen Rentabilität von Aktien zu zweifeln. Wer Ende 1999 - knapp vor dem Höhepunkt der Internet-Blase - eingestiegen ist, hat in den meisten Börsen Verluste eingefahren.
Und wer für das nächste Jahr große Gewinne verspricht, wie es manche Analysten nun tun, der hat aus den Turbulenzen der letzten Jahre nichts gelernt. Viele Aktien erscheinen nun wieder relativ fair bewertet. Das bedeutet: Ein Kursanstieg lässt sich nur durch nachhaltig höhere Unternehmensgewinne rechtfertigen, und auf die kann man derzeit nicht zählen.
Das gilt auch für die in Osteuropa so stark engagierten Austro-Unternehmen: Auch wenn sich viele Länder gut halten, ein neuerlicher Wirtschaftsboom mit entsprechenden Rekord_gewinnen ist nirgendwo in Sicht.
Die fragile Stimmung an den Börsen spiegelt die Lage der Realwirtschaft gut wider. Einerseits war 2009 ein wirtschaftliches Erfolgsjahr: Die vorhergesagte Katastrophe ist ausgeblieben, weil die extrem lockere Zinspolitik der Notenbanken und die milliardenschweren Konjunkturpakete in den USA den Absturz in eine_Depression wie in den Dreißigerjahren verhindert haben. Auch die rasche Erholung in China und anderen Schwellenländern hat ihren Teil dazu beigetragen. Die Rezession war hart, aber für die meisten erträglich. Selten zuvor hat sich aktive Wirtschaftspolitik als so wirkungsvoll erwiesen wie in den vergangenen zwölf Monaten.
Doch der Preis für diese globale Rettungsaktion war eine historisch beispiellose Staatsverschuldung und eine Überflutung mit billigem Geld, die bald zurückgefahren werden muss. Auch die systemischen Schwächen im Bankwesen wurden kaum angegangen. Das heißt nicht, dass es zwingend wieder zum Crash kommt, es ist sogar gut möglich, dass die derzeit verhaltenen Konjunkturerwartungen von der realen Entwicklung übertroffen werden.
Dennoch dürften die Risiken in den kommenden Jahren überwiegen und den weiteren Anstieg der Börsen dämpfen. Das spricht nicht gegen Aktienerwerb an sich, aber gegen überzogene Erwartungen und für ein ausgeprägtes Risikobewusstsein. Angesichts des Schadens, den die Goldgräberstimmung vor 2007 der Weltwirtschaft zugefügt hat, wäre das gar nicht so schlecht.

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