Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Das Streben nach Glück"

Ausgabe vom 25. Dezember 2009

Wien (OTS) - Glück habe mit materiellen Besitz nichts zu tun, ist oft zu hören und zu lesen. Ob im Märchen "Hans im Glück" oder im indischen Sprichwort "Das Glück wohnt in Hütten, nicht in Palästen". So gesehen müssten die Ärmsten auch die Glücklichsten sein. Der Satz ist aber zu hinterfragen.

Denn er hängt stark von der Definition von Glück ab. Nach einer Studie der EU sind die Skandinavier am glücklichsten, Österreich rangiert im Mittelfeld. Materielles Glück (eher als Zufriedenheit zu bezeichnen) hat also offensichtlich mehr mit der Verteilung von Wohlstand zu tun als mit persönlichem Reichtum.

Vor mehr als 300 Jahren haben die Gründer der Vereinigten Staaten von Amerika "das Streben nach Glück" als unveräußerliches Recht des Menschen in die Unabhängigkeitserklärung hineingeschrieben - damit wird der Begriff schon abstrakter. Denn in diese Definition fällt auch die (damals verbotene) Liebe zwischen Schwarzen und Weißen. Glück hat also auch etwas mit persönlicher Freiheit und eigenen Entscheidungen zu tun.

Vor allem zu tun hat es aber mit der Fähigkeit, das Gute zu sehen und nicht nur das Schlechte. Immerhin muss im Menschen das Gute stärker sein als das Böse, sonst müsste es viele eingeschlagene Fensterscheiben bei Firmen geben, die Call-Centers beschäftigen . . .

Ein solcher Glücksbegriff ist aber nicht kollektiv, sondern individuell. Selbstsicherheit und der Glaube ans Glück haben tatsächlich mit Wohlstand nichts zu tun. Es hängt mit Respekt sich selbst und anderen gegenüber zusammen sowie mit Verantwortungsgefühl. Zum individuellen Glück gehört Verantwortung wie der Mond zur Erde.

Die Krise hat wohl dazu notgedrungen dazu geführt, dass sich Menschen wieder stärker mit der immateriellen Definition von Glück beschäftigen. Und sind dabei oft ratlos, weil Glück keinen Preis hat. "Glück wird mit weißer Tinte geschrieben", beschreibt es Woody Allen. Vielleicht wäre es also eine gute Idee, wenn "das Streben nach Glück" in die Maastricht-Kriterien der EU aufgenommen werden würde, oder in die österreichische Verfassung. Denn der Abbau von Glücks-Defiziten ist wichtiger als der von Staatsschulden. Für den Einzelnen und für eine Gesellschaft.

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