"Die Presse" Leitartikel: Das Fest der Sichtbarkeit, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 24.12.2009

Wien (OTS) - Der Wunsch nach Sichtbarkeit des Religiösen braucht die Sicherheit, dass die Religion nicht herrschen will.

Der Spiegel", eines der publizistischen Flaggschiffe des Laizismus, leistet sich zwei Mal im Jahr den Luxus, sein Publikum über den Stand des Religiösen in der Welt zu informieren. Zu Weihnachten und zu Ostern wird ausführlich über Grabtücher, Heilige und andere Kuriositäten aus dem unerschöpflichen Vorrat dessen berichtet, was ein gestandener "Spiegel"-Mensch als das "Irrationale" bezeichnen würde. In seiner aktuellen Weihnachtsausgabe stellt das Magazin -ironisch illustriert durch einen christlichen und einen islamischen Geistlichen beim "Hakelziehen" - die Frage: "Wer hat den stärkeren Gott?" Es geht um die Konfrontation zwischen den beiden expansiven Religionen dieser Welt, Christentum und Islam.

Unter einer globalen Perspektive betrachtet, spielt sich dieser Wettbewerb vor allem in Afrika und Asien ab. Aber für uns liegt der aktuellste Schauplatz der Auseinandersetzung in der unmittelbaren Nachbarschaft: Die nüchternen Schweizer haben sich in einer Volksabstimmung für ein Verbot von Minaretten ausgesprochen. Es war nach Meinung der meisten Kommentatoren ein Ausdruck der Angst vor einer "schleichenden Islamisierung" Europas, ein Ausdruck des Unbehagens gegenüber einer Religion, von der immer größere Teile der westeuropäischen Gesellschaften glauben, dass sie mit unseren Vorstellungen einer liberalen Demokratie schwer bis gar nicht vereinbar ist. Kurz vor dem Schweizer Minarettverbot sorgte ein Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs für Diskussionen:
Er hatte einer Italienerin finnischer Abstammung recht gegeben, die die Entfernung des Kreuzes aus der Schulklasse ihres Kindes gefordert hatte.

Man könnte auch sagen, dass es sich in beiden Fällen um ein Votum gegen die Sichtbarkeit des Religiösen handelt. Das ist der Preis für die Vereinbarkeit von Religion und liberaler Demokratie: Dass die Religion sich von ihrem Anspruch verabschiedet, die gesellschaftlichen Wert- und Moralvorstellungen bis in ihre legislative Umsetzung hinein zu dominieren - und dass sie diesen politischen Rückzug auch symbolisch dokumentiert, indem religiöse Symbole wie das Kreuz aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Was nicht verschwinden wird, ist die kulturelle Prägung, die Europa während einer fast zwei Jahrtausende währenden Dominanz vor allem der katholischen Kirche erfahren hat.

Selbst Menschen ohne jegliche religiöse Bindung akzeptieren das literarische, künstlerische und architektonische Erbe des Christentums neben Aufklärung, Menschenrechtsdenken, Rechtsstaatlichkeit und parlamentarischer Demokratie als integralen Bestandteil der europäischen Identität. Sie sind dazu übergegangen, Kirchturmkreuze nicht als Symbole eines Herrschaftsanspruchs zu lesen, sondern als Buchstaben ihres kulturellen Alphabets.

Weil sich der Islam in der mehrheitlichen Wahrnehmung der Europäer in das kulturelle Alphabet, aus dem zentrale Begriffe unseres gesellschaftlichen Wertesystems wie Individualismus, Gleichberechtigung und Säkularismus buchstabiert werden, noch nicht eingeschrieben hat, wird dem Wunsch der Muslime nach Sichtbarkeit in Form von Minaretten mit Skepsis begegnet. Minarette werden als Machtsymbole interpretiert, weil es den Muslimen und ihren offiziellen Vertretern (noch) nicht gelungen ist, glaubwürdig darzustellen, dass sie bereit sind, den europäischen Weg zu gehen, den Weg der Säkularisierung.

Dass heute auch in den säkularisierten Gesellschaften ein stärkeres Bedürfnis nach Sichtbarkeit und Präsenz des Religiösen herrscht, stellt nur auf den ersten Blick einen Widerspruch dar. Die Bereitschaft, sich wieder stärker auf Religion als Sinn- und Wertressource einzulassen, wäre nicht denkbar ohne die Sicherheit, dass damit keine Wiederkehr religiöser Herrschaft verbunden ist.

Weihnachten, das macht die Geschichte vom Stern sehr deutlich, ist das Fest der Sichtbarkeit: Es wird hingezeigt und hingewiesen auf eine Macht, die der weltlichen Herrschaft nicht bedarf. Es ist noch nicht so lange her, dass die christlichen Kirchen ihren weltlichen Herrschaftsanspruch aufgegeben haben und diese Botschaft wieder glaubwürdig verkünden können. Den europäischen Muslimen ist weihnachtlich zu wünschen, dass sie eines nicht zu fernen Tages so viel Vertrauen gewinnen, dass ihre Sichtbarkeit als Bereicherung statt als Bedrohung gesehen wird.

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