Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Traurige Botschaft"

Ausgabe vom 24. Dezember 2009

Wien (OTS) - 2,3 Milliarden Christen feiern dieser Tage,
wenngleich kalendarisch unterschiedlich, Weihnachten. Für die Gläubigen steht die Geburt ihres Erlösers Jesu Christi im Mittelpunkt, die übrigen wärmen ihr Herz am säkularisierten Rest des Fests, rücken die Familie in den Mittelpunkt und erfreuen einander mit kleineren und größeren Geschenken.

Der politische Kern der frohen Botschaft ist - losgelöst von allem Religiösen - der Wunsch nach "Frieden auf Erden" an die Adresse der Menschen aus dem Munde der Engelschöre im Weihnachtsevangelium nach Lukas.

Mit dem Frieden allerdings ist das so einfach nicht. Die strikte Gewaltlosigkeit Mahatma Gandhis einst oder des Dalai Lama heute vermag zweifellos Menschen zu inspirieren. Ein taugliches Mittel zur Lösung sämtlicher Probleme ist sie allerdings nicht, kann sie nicht sein: Der Mensch und seine Ziele sind nicht immer gut.

Barack Obama hat das Dilemma eines politischen Führers bei seiner bemerkenswerten Dankesrede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises auf den Punkt gebracht: Krieg, so sprach der US-Präsident mit Blick auf Afghanistan, ist manchmal notwendig und gerecht.

Das Motiv des gerechten Krieges zieht sich - von der Antike über die christliche Theologie bis hin zum modernen Völkerrecht - wie ein roter Faden durch die abendländische Geistesgeschichte. Gleichwohl gilt, vor allem in Europa nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, Gewaltlosigkeit als höchstes politisches Prinzip. Manche Konflikte aber lassen sich mit den Mitteln der Diplomatie nicht lösen, allenfalls hinausschieben. Außerhalb der Grenzen eines Rechtsstaats aber kann die Schwachen - im Diesseits jedenfalls - nur beschützen, wer selbst stark ist und bereit, diese Stärke in die Waagschale zu werfen.

Dieses ethische Prinzip wird bis heute von den Mächtigen für andere Zwecke oftmals missbraucht, von der Vergangenheit gar nicht zu reden. Das ändert jedoch nichts an der Richtigkeit des Prinzips. Der Friede auf Erden kann, wenn überhaupt, nur erreicht werden, wenn alle Menschen guten Willens bereit sind, den Bösen entschlossen entgegenzutreten. Das ist in der Zeit der frohen Botschaft die traurige Wahrheit.

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