"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Europäische Union und Serbien brauchen einander" (Von Norbert Mappes-Niediek)

Ausgabe vom 23.12.2009

Graz (OTS) - Offiziell geht es um die Mitgliedschaft in einem exklusiven Klub. Schon der Status des Kandidaten wird Beitrittswilligen verliehen wie ein Orden. Aber wer sich die Umstände der neuesten EU-Kandidatur näher anschaut, lernt schnell: Serbien und die Union brauchen einander.

Belgrad hat gar keine Wahl. Der Weg der Isolation unter Slobodan Milosevic, begleitet von vagem Schielen nach Moskau, hat das Land ins Elend geführt. Das wusste auch Vojislav Kostunica, sein Nachfolger. Mit dem prallen Selbstbewusstsein aber, mit dem der letzte National-Serbe der EU gegenübertrat, kam er nicht weit. Der Sog nach Westen blies auch Kostunica weg. Europa ist Serbiens letzte Option. Alles, was es noch zu verteidigen hat, ist ein bisschen Würde. Die hat es, zum Glück: Anders als die meisten Kleinstaaten der Region traut Serbien sich, den frechsten Investoren und ihren politischen Fürsprechern in den westlichen Regierungen von Zeit zu Zeit Einhalt zu gebieten. Wenn Belgrad etwa dem Treiben westlicher Banken Grenzen setzt, so beweist es damit mehr EU-Reife als die Nachbarn, die sich den Reichen bereitwillig unterwerfen.

Dass Europa Serbien ebenfalls braucht, hat es gleich nach dem Sturz des unseligen Milosevic klargemacht. Serbien ist der volk- und traditionsreichste Staat der Region, und es liegt wie ein Sperrriegel quer über dem Balkan. Deutschland, Italien und Österreich hätten dem einstigen Feindstaat deshalb am liebsten gleich alle Bedingungen erlassen, die sie bei den anderen noch eingefordert hatten. Das war unfair, aber richtig. Ernsthaft Bedingungen könnte man Ländern auf dem Weg in die EU nur stellen, wenn man bei Nichterfüllung auch die Folgen tragen wollte. Aber die Konsequenz, ein isoliertes, verarmtes und womöglich aggressives Serbien, will niemand.

Schwedens Außenminister Carl Bildt, der Serbiens Antragunterstützte, hat das verstanden. Am wenigsten begriffen haben es die Niederländer, die aus einer Mischung von Moralismus und Angst eine Annäherung bislang verzögert haben.

Für die hurtige Aufnahme sprechen die wirtschaftliche Verflochtenheit der Region und die Stabilität Bosniens. Schon der Kandidatenstatus bringt Belgrad den Zugang zu drei Vorbeitrittsfonds mit rund 250 Millionen Euro jährlich. Das Geld ist gut angelegt. Dass der Kriegsverbrecher Ratko Mladic nicht gefangen und der Status des Kosovo ungelöst ist, spricht nicht gegen eine rasche Integration. Die wichtigste Ressource zur Lösung beider Probleme ist guter Wille. Den erreicht man nicht, indem man Bedingungen stellt.****

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