WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Vorsicht ist immer besser als Nachsicht - von Hans-Jörg Bruckberger

Auf das Banken-Domino könnte bald ein Staaten-Domino folgen

Wien (OTS) - Das erste Mal tat's noch weh, beim zweiten Mal nicht mehr so sehr. Und heut' weiß ich daran stirbt man nicht mehr." Der alte Schlager hat plötzlich weltwirtschaftliche Relevanz. Nachdem vor einem Jahr schon einmal der Weltuntergang durchgespielt wurde, herrscht nun bemerkenswerte Gelassenheit. Die Dubai-Troubles haben uns gerade einmal ein paar Tage lang ernsthaft beschäftigt, der Dow Jones notiert wieder nahe dem Jahreshoch. Die Finanzschwäche von Griechenland war geradezu ein Non-Event. Und dass der Harvard-Ökonom und Ex-IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff die Wahrscheinlichkeit einer Pleite von ein oder zwei mittel- oder osteuropäischen Ländern mit über 50 Prozent beziffert und Österreich als Kandidaten nennt, ist an uns praktisch spurlos vorübergegangen.

Verständlich, der IWF und ein US-Ökonom, Paul Krugman, haben uns schon einmal, noch dazu mit einem Rechenfehler, zum Pleitekandidaten gemacht. Ein zweites Mal fallen wir darauf nicht herein. Ähnlich abgebrüht präsentieren sich die Weltbörsen, die seit März eine Party feiern. Die Frage ist, ob diese gerechtfertigt ist.

Denn weltwirtschaftliche Gefahren gibt es genug. Das Problem der Refinanzierung betrifft nicht nur Banken und Unternehmen, sondern auch Staaten. "Es ist nicht die Frage, ob es zu Zahlungsengpässen auch bei Staaten kommt, sondern nur, wann das der Fall sein wird", sagte unlängst ein deutscher Kreditexperte. Rogoff verweist darauf, dass sich der Staat derzeit sehr kurzfristig verschuldet, was bei den niedrigen Zinsen attraktiv ist. Doch was passiert, wenn wieder ein Vertrauensverlust eintritt und die Zinsen steigen? Oder Inflation kommt? Oder eine neue Stresswelle bei Banken? Die Risikoaufschläge für Anleihen finanzschwacher Staaten könnten rasch zunehmen. Gleichzeitig bilden sich schon wieder Spekulationsblasen, die von dem von Notenbanken in den Markt gepumpten Geld genährt werden. Das wandert aber kaum in die reale Wirtschaft, sondern begünstigt erst wieder jene Spekulationen, die die Krise ausgelöst haben. In einzelnen Asset-Klassen, auf den Kredit- und Anleihen-, aber auch einigen Immobilienmärkten gibt es Blasenbildungen - eine Art Vermögensinflation. Anlegern bleibt die Hoffnung, dass sich die Märkte ihre neue Coolness erhalten, sprich das Ungemach, das noch kommen wird, schon eingepreist ist. Immerhin sind die Börsen auf Dreijahressicht immer noch ein Schatten ihrer selbst. Ansonsten kann man nur beten. Denn im Worst Case war die bisherige Finanzkrise im Vergleich zu dem, was noch kommen kann, ein Kindergeburtstag.

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