"KURIER"-Kommentar von Gert Korentschnig: "Dabei hätte Kärnten enormes Potenzial"

Wenn die Opposition verstummt, hat das Narrentreiben Hochsaison.

Wien (OTS) - Jetzt ist es also wieder einmal so weit, dass Witze über Kärnten hoch im Kurs stehen. "Von wem stammt der Kärntner ab? Vom Orang Utnig" - das ist fast noch der harmloseste, den sich der Autor dieser Zeilen als Träger eines solchen Namens ausnahmsweise in den Mund zu nehmen traut. Selbstverständlich wird Kärnten im Zusammenhang mit Bayern auch das Freistaat-Modell empfohlen, wenn nicht sogar die Ausrufung einer eigenen Republik, wie man sie vom Projekt Kugelmugel aus dem Wiener Prater kennt.
Aber ist Kärnten wirklich so ein Sonderfall, dass es all diesen Spott verdient? Ja und nein.
Nein, weil es dabei selbstverständlich nicht gegen die Kärntner Bevölkerung gehen darf, sondern um ignorante, selbstherrliche Politiker, die Probleme immer noch leugnen und sogar weglügen.
Ja, weil die Kärntner jahrelang dieser Spezies von Volksvertretern aufgesessen sind. Die These, dass Haider in fast jedem anderen Bundesland einen ähnlichen Erfolg gehabt hätte, wenn er sich derart populistisch engagiert hätte, ist jedoch nicht von der Hand zu weisen.
Ein massives Kärntner Problem besteht zweifellos darin, dass man dort kein gesteigertes Bedürfnis hat, Sichtweisen jenseits der Karawanken, des Großglockners oder der Pack zu akzeptieren. Wer etwas Kritisches gegen Kärnten sagt, ist ein Verräter und hat gefälligst ruhig zu sein, weil er ja nichts von Kärnten versteht. Zu beobachten war und ist das auch im Ortstafelstreit.
Im Zuge der Rettung und Verstaatlichung der Hypo Alpe-Adria trieb diese Geisteshaltung derart seltsame Blüten, dass der Landeshauptmann allen Ernstes von einem "Kärntner Abwehrkampf" sprach. Im Umgang mit bizarren politischen Vergleichen war man in Kärnten immer sehr entspannt. Schon vor Haider, als noch der rote Leopold Wagner Alleinherrscher war.
Dass Finanzminister Josef Pröll jetzt professionellst und klug gehandelt hat, Kärnten aber zu Recht heftig kritisiert, wird zur Folge haben, dass man ihn dort bald zu den personae non gratae zählen wird. "Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar", hatte Ingeborg Bachmann, eine Kärntnerin, gesagt. Vielleicht doch nicht allen.
Ein Kärntner Manko ist auch, dass man des Landes größte Chance oft als Hindernis empfindet: Die Grenzland-Situation. Kärnten könnte von der Nachbarschaft mit Italien und Slowenien enorm profitieren. Stattdessen schaut man etwa auf Laibach immer noch herab, wozu es in Klagenfurt nicht den geringsten Grund gibt.
Kärnten hätte gerade als Grenzregion enormes kreatives Potenzial -kein anderes Bundesland hat in Relation zu seiner Größe mehr Autoren oder bildende Künstler hervorgebracht. Die meisten von ihnen wurden schlecht behandelt und sind irgendwann weggegangen.
Als der Autor Gert Jonke und der Theaterintendant Dietmar Pflegerl noch lebten, gab es in Kärnten zumindest eine lautstarke künstlerische Opposition. Die politische hat längst aufgehört zu existieren. Nirgendwo anders sind Rot und Schwarz so schwach wie in Kärnten.

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