Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht die Ökosoziale Marktwirtschaft

Franz Fischler und Josef Riegler fordern eine rasche ökosoziale Wende als einzigen zukunftsfähigen Weg aus den Krisen.

Wien (OTS) - Vor 20 Jahren hat Josef Riegler mit der Formulierung der Ökosozialen Marktwirtschaft einen zukunftsweisenden Weg beschritten. Heute präsentierte das Ökosoziale Forum sein neues weiter entwickeltes Programm mit Handlungsempfehlungen für 10 aktuell herausfordernde Bereiche wie z. B. die Energie- und Ressourcenpolitik, die Innovation, das Abgabensystem und die soziale Gerechtigkeit. Prominenter Gast des Pressegespräches war der Vordenker Ernst Ulrich von Weizsäcker.

"Wir müssen endlich damit anfangen, Verantwortung für uns und die kommenden Generationen zu übernehmen. Das geht nicht ohne eine ökosoziale Wende in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen. Sonst laufen wir Gefahr, die Chancen des 21. Jahrhunderts zu verpassen", betont Franz Fischler, Präsident des Ökosozialen Forums anlässlich der Präsentation des weiter entwickelten Programms der Ökosozialen Marktwirtschaft in Wien. Schon vor 20 Jahren hat Josef Riegler, damals Vizekanzler, heute Ehrenpräsident des Ökosozialen Forums, mit der Ökosozialen Marktwirtschaft einen zukunftsweisenden Weg aufgezeigt. "Grundidee war, die Soziale Marktwirtschaft um die Komponente der Umweltverantwortung zu ergänzen, um so Kostenwahrheit herzustellen und die richtigen Signale an den Markt zu senden. Umweltschutz sollte sich rechnen", so Josef Riegler bei dem Pressegespräch in Wien. Vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen insbesondere der Finanz - und Klimakrise wurde das Programm weiterentwickelt.

Ökosoziale Marktwirtschaft heißt Lebensqualität für alle - heute und morgen

"'Wohlstand für alle' war das Credo der Sozialen Marktwirtschaft des Ludwig Erhard. 'Mehr Lebensqualität für alle - heute und morgen' ist das Ziel der Ökosozialen Marktwirtschaft heute", beschreibt Fischler den ökosozialen Weg in die Zukunft. "Dass nur ein 'Immer-noch-mehr'nicht zukunftsfähig ist, leuchtet angesichts der aktuellen Probleme wohl jedermann ein. Die Ökosoziale Marktwirtschaft zielt daher auf das 'Besser' - also auf mehr Lebensqualität, die durch ein qualitatives Wachstum entsteht."

Die Marktwirtschaft könne viel, sei aber zumindest auf einem Auge blind. "Der Markt hat den Blick zuwenig auf die Zukunft gerichtet und überdies kein Gewissen," so Fischler weiter "Ressourcenintensives Wachstum als einzigen Weg für künftigen Wohlstand zu sehen, sei deshalb zu kurzsichtig", kritisiert der Präsident des Ökosozialen Forums. "Wir müssen langfristigen Wohlstand in Österreich und weltweit anders als bisher sichern. Das Programm der Ökosozialen Marktwirtschaft kann wie ein Kompass die Richtung weisen. Ökosoziale Wirtschaftspolitik ist dreifach zukunftsfähig: ökologisch, sozial und ökonomisch im jeweiligen kulturellen Kontext. Die schwierige Herausforderung besteht darin, das Gleichgewicht dieser Eckpfeiler zu erreichen und zu halten", betont Franz Fischler.

Faktum ist: Wir verbrauchen weltweit zurzeit 60 Mrd. Tonnen Ressourcen pro Jahr, das ist um 50 Prozent mehr als im Jahr 1980. Die damit zusammenhängenden Umweltprobleme wie der Klimawandel wachsen überproportional. Das jährliche Wirtschaftswachstum in Österreich ist hingegen seit den 1950iger Jahren von durchschnittlich 6 % auf rund 2 % gesunken. Ein stetiges quantitatives Wirtschaftswachstum für bald neun Mrd. Menschen weltweit wird in Hinblick auf Umwelt und Ressourcen auf keinen Fall möglich sein. In dem neuen Programm stellt das Ökosoziale Forum 10 Handlungsempfehlungen zur Diskussion. Die drei dringlichsten und zugleich schwierigsten sind folgende:

Ressourcen und Energie: Weniger kann mehr sein

"Wir müssen den Ressourcen- und Energieverbrauch drastisch reduzieren und um dieses Ziel zu erreichen, sind quantitative Vorgaben, ähnlich den Klimazielen, und eine dritte industrielle Revolution notwendig. Dafür müssten viele Bereiche neu ausgerichtet werden. Dies kann nur gelingen, wenn wir massiv in Forschung & Entwicklung und in Bildung inklusive Bewusstseinsbildung der Bevölkerung investieren. Wer hier die Nase vorne hat, wird gewinnen, wer zögert wird als Verlierer übrig bleiben."
Weitere Forderungen: Best-Practice-Standards für Geräte, d. h. das beste Gerät einer Klasse hinsichtlich Effizienz sollte der Maßstab für alle anderen sein. Umsetzung des "Total Cost of Ownership"-Ansatzes in der öffentlichen Beschaffung, d. h. der gesamte Lebenszyklus wird berücksichtigt und nicht ausschließlich der Preis. Dadurch wären langlebige Produkte im Vorteil. Anreize für neue Business-Modelle wie "reparieren" statt "neu produzieren" und für Modelle des "Verwendens" statt des selbst "Besitzens" (Warum Maschinen, die man nur wenige Male im Jahr braucht, kaufen statt mieten?)

Ökosoziales Abgabensystem: mit Steuern steuern!

"Das Abgabensystem sollte gerade in Österreich künftig viel mehr dazu genutzt werden, um in eine ökosoziale zukunftsfähige Richtung zu steuern. Das heißt aber nicht Steuererhöhung, sondern ganz im Gegenteil. Erfahrungen aus anderen EU-Ländern zeigen, dass ökosoziale Steuerreformen aufkommensneutral umgesetzt werden sollen. Dann bringen sie neue Arbeitsplätze und stärken die Wirtschaft." Das Prinzip: Entlastung des Faktors Arbeit, im Gegenzug eine höhere Besteuerung vor allem des Energieverbrauchs und gesundheitlich schädlichen Konsums von Tabak- und Alkohol.

Globale Gerechtigkeit: Ein würdevolles Leben für alle

"Wir stehen vor der Herausforderung, wie wir ein würdevolles Leben für alle Bewohner der Erde ermöglichen", sagt Ehrenpräsiden Josef Riegler. Derzeit leben 1,4 Mrd. Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag, über eine Mrd. Menschen leidet an Hunger und die Schere zwischen Arm und Reich wächst weltweit. "Wir brauchen daher einen Global Marshall Plan für faire Spielregeln am globalen Markt, damit auch Menschen im Süden Entwicklungschancen haben und wir müssen die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit aufstocken, damit wir zumindest unsere längst zugesagten Verpflichtungen einhalten." Weiters müssten Steueroasen, durch die den Entwicklungsländern ca. 900 Mrd. Dollar pro Jahr verloren gehen, konsequent geschlossen werden.

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Ein grüner Kondratieff-Zyklus als Vision

"Solange sich der verschwenderische Umgang mit Energie, Böden und Mineralien finanziell lohnt, fehlt die Motivation für eine technische Revolution", kritisierte der Naturwissenschafter und Vordenker Ernst Ulrich von Weizsäcker beim Pressegespräch des Ökosozialen Forums in Wien. Der Wunsch der gesamten Weltbevölkerung nach einem akzeptablen Wohlstand sei natürlich begreiflich, führe beim derzeitigen Stand der Technik allerdings zum Ende der ökologisch gesunden Erde und des passablen Klimas. "Notwendig ist eine Technologie, die mit den knappen natürlichen Ressourcen einschließlich Energie mindestens fünfmal so effizient umgeht wie heute. Die technische Revolution des 'Faktors 5' ist möglich und wäre als 'grüner' Kondratieff-Zyklus ebenso tief greifend für die Menschen wie die bisherigen 5 Zyklen."

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