WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Argumente gegen eine Neuauflage der Gas-Krise - von Michael Laczynski

Die längerfristigen Aussichten für die EU sind positiv

Wien (OTS) - Ein Frühwarnsystem für Erdgas-Lieferausfälle als einziges konkretes Ergebnis des morgigen EU-Russland-Gipfels? Sollte die sinngemäß so lautende Ankündigung von EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner zutreffen, dann kann man sich den ganzen Schmus getrost sparen. Es gibt nämlich bereits jetzt ein wunderbar funktionierendes, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftiges, Frühwarnsysten für Gas-Krisen: In dem Moment, in dem die Umfragewerte des prowestlich eingestellten ukrainischen Staatschefs Viktor Juschtschenko steigen und gleichzeitig die Häufigkeit martialischer Auftritte von Premier Wladimir Putin im russischen Fernsehen signifikant zunimmt, können wir anfangen, Gas zu horten.

Vieles spricht allerdings dafür, dass russisches Erdgas diesmal auch nach Silvester Richtung Westeuropa gepumpt wird. Zum einen kommt Juschtschenko derzeit auf Sympathiewerte im mittleren einstelligen Prozentbereich. Zum anderen - und das ist das gewichtigere Argument -wird in der Ukraine am 17. Jänner ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Da die beiden Favoriten Julia Timoschenko und Viktor Janukowitsch als dem Kreml freundlich gesinnt gelten, würde ein Gas-Lieferstopp zum Jahreswechsel ihre Chancen auf den Wahlsieg schmälern, die im Westen der Ukraine reichlich vorhandene Russophobie anfachen und Juschtschenko in die Hände spielen.

Zu diesem heiklen Zeitpunkt macht das Zudrehen des Gashahns wenig Sinn, allfällige Drohgebärden sollten also eher nach dramaturgischen Kriterien beurteilt werden. Was nach der Präsidentenwahl passiert, ist indes eine andere Frage - und hängt vom Verhalten des Siegers ab. Bis es allerdings so weit ist, wird die Heizperiode mehr oder weniger vorbei sein und der Frühling vor der Tür stehen.
Doch die Aussichten für die EU sind auch längerfristig positiv. Denn die oft beklagte Abhängigkeit Europas von russischen Energieträgern dürfte sich verringern. Die Internationale Energieagentur geht in ihrer jüngsten Schätzung davon aus, dass das Angebot an Erdgas in den kommenden Jahren und Jahrzehnten deutlich zunehmen wird - vor allem dank neuer Bohrtechniken und Funde in Nordamerika.

Gute Nachricht Nummer zwei ist der globale Siegeszug der Gasverflüssigung - hier dürften die Kapazitäten bis 2012 um die Hälfte steigen. Und weil flüssiges Erdgas in Tankern geliefert werden kann, werden die russischen Pipelines an Bedeutung verlieren. In dem Zusammenhang spielen innereuropäische Leitungen ein wichtige Rolle:
Sobald die EU lückenlos vernetzt ist, können Lieferausfälle im Osten solidarisch kompensiert werden - nicht zuletzt dank LNG-Terminals im Norden, Süden und Westen.

Keine Frage: Dem russischen Monopolisten Gazprom schwimmen schön langsam die Felle davon.

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