Kardinal Schönborn bekräftigt Ablehnung des Kreuz-Urteils

Wiener Erzbischof in TV-Sendung "Orientierung": "Kreuz verstößt nicht gegen weltanschauliche Neutralität des Staates" - Christliche Kirchen respektieren "Mehrheits-Regel"

Wien, 09.11.2009 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat in der ORF-Sendung "Orientierung" seine ablehnende Haltung zum Kreuz-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte bekräftigt. Er sehe darin ein "Fehlurteil", von dem er hoffe, das es keinen Bestand haben werde, sagte der Wiener Erzbischof: "Es ist keine Beeinträchtigung der Freiheit des Anderen, wenn Menschen ihre religiöse Identität in der Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen".

Das Kreuz in den Klassenzimmern verstoße in Österreich nicht gegen die weltanschauliche Neutralität des Staates, unterstrich der Kardinal. Der Staat akzeptiere damit, dass sich eine klare Mehrheit der Bürger zur christlichen Religion bekenne: "Dass dem auch im öffentlichen Raum Rechnung getragen wird, ist völlig legitim".

Schönborn appellierte, die wahre Bedeutung des Kreuzes stärker wahrzunehmen. Aus dem Leben Christi heraus sei es "ein Zeichen der Erlösung, des Heils, der Vergebung und ein Zeichen des Friedens statt der Gewalt, des Gewaltverzichts statt der Rache". Das Kreuz stehe zudem für die christlichen Wurzeln Europas.

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker warnte in der "Orientierung" davor, das Kreuz zu einem "bloß kulturellen Symbol" zu entkräften. Damit wäre aus evangelischer Sicht der Inhalt des Kreuzes "nicht mehr so gegeben wie es sein sollte", so Bünker. Das Straßburger Urteil dürfe jedoch nicht dazu führen, dass Religion privatisiert und aus dem dem öffentlichen Bereich hinausgedrängt wird.

Kein Problem mit den Kruzifixen in den Klassenzimmern hat auch Carla Amina Baghajati, die Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. "Der Ort Schule birgt eine echte Chance, Kinder und Jugendliche auf ein Leben in einer immer mehr von Pluralismus gekennzeichneten Gesellschaft vorzubereiten - und Religion gehört da einfach dazu", sagte sie in der TV-Sendung. Gleichzeitig verwahrte sich Baghajati gegen das Ansinnen, das Kreuz-Urteil als Anstoß für eine "Leitkultur"-Debatte zu nehmen:
"Wenn ich das Kreuz anerkenne als etwas, dass in Österreich historisch eine Platz hat, heißt das noch lange nicht, dass ich das Kreuz zu meiner Leitkultur mache". Dies verhindere einen "Dialog auf gleicher Augenhöhe".

Christliche Kirchen respektieren "Mehrheits-Regel"

Kardinal Schönborn erinnerte im ORF-Interview an die geltende Gesetzeslage in Österreich, wonach in allen Klassenräumen vom Schulerhalter ein Kreuz anzubringen ist, wenn die Mehrzahl der Schüler einem christlichen Religionsbekenntnis angehört. Nach diesen Bestimmungen müsse auch dann vorgegangen werden, wenn Christen nicht in der Mehrheit sind, wie dies etwa in einigen Wiener Schulen der Fall sei, so Schönborn: "Wenn dort eine nichtchristliche Mehrheit wünscht, dass kein Kreuz in der Klasse ist, ist das auch zu respektieren". Auch für den lutherischen Bischof Bünker gilt in diesem Fall: "Für Christen ist es immer eine gute Tugend zu sagen:
besser eine Einschränkung zu erleiden, als anderen eine Einschränkung zuzufügen".

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