"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Fall der Mauer hat uns alle in Europa über Nacht verändert" (Von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 09.11.2009

Graz (OTS) - Die Bilder vom Fall der Berliner Mauer entfalten
noch immer ihre volle Wirkung. Auch zwanzig Jahre danach. Doch dieses Nachfühlen ist keine Nostalgie, keine zeitweilige Euphorie wie bei einer gewonnenen Weltmeisterschaft. Es ist wie bei der Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten.

Die Wirkung entsteht aus der Kraft, die dieser Moment für die Zukunft hat. Der Mauerfall hat uns alle in Europa über Nacht verändert. Der politische Tsunami, den die DDR-Bürger mit ihrer friedlichen Revolution ausgelöst haben, hat den Ostblock endgültig zum Einsturz gebracht.

Dieser Aufbruch bedeutete das Ende des Kalten Krieges. Das Ende zweier Blöcke, die sich vierzig Jahre an der innerdeutschen Grenze hochgerüstet gegenüberstanden. Dass diese Grenze - an der mehr als tausend Menschen den Tod fanden, weil sie nichts anderes wollten als Freiheit - ihren Schrecken verlor, gehört auch zur Kraft dieser Nacht. Was mit Friedensgebeten in den Kirchen der DDR begann, hat einen Menschheitstraum ein kleines Stück erfüllter werden lassen. Der Traum einer friedlichen Welt. Das mag pathetisch klingen und natürlich euphorisch. Aber tatsächlich leben die Menschen zum ersten Mal in der Geschichte Europas in einem vereinigten Haus friedlich miteinander.

Dabei darf man die Entwicklung in Polen, Ungarn oder der CSSR weder vergessen noch kleinreden. Ihre Reformbewegungen haben überhaupt erst dazu geführt, dass die DDR-Bürger den aufrechten Gang gelernt haben. Aber das Ende der deutschen Teilung hat ein gemeinsames Haus Europa erst realistisch gemacht.

Mit dem Mauerfall wurde es notwendig, dass Sowjets und Amerikaner über das Ende der Nachkriegsordnung konkret nachdenken mussten. Dass wir heute ohne Pässe durch Europa reisen können, fast überall mit einer Währung bezahlen und uns überall beruflich niederlassen können, ist schon so selbstverständlich, dass man es als Wunder fast vergessen hat.

Das wahre Erbe dieser Oktober-Revolution, die am 9. November ihr Ziel erreicht hat, ist aber der unbändige Wille zur Veränderung. Er entstand im Herzen der Menschen, die Freiheit wollten mit allen Mitteln - nur nicht mit Gewalt. Wer Kerzen bei der Demonstration in den Händen hält, damit das Licht nicht ausgeht, kann keine Waffe tragen. Das hat die Staatsmacht überrumpelt. Diese Kraft zur Veränderung sollten wir als europäisches Erbe bewahren. Wenn die Politik erstarrt ist, kann jeder etwas bewegen - wir müssen dazu nur aufstehen.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001