Benedikt XVI. auf den Spuren...(2)

"Ökumenische Sensibilität"

Beim Angelusgebet im Anschluss an die Messfeier verwies Benedikt XVI. auf die tiefe marianische Frömmigkeit Giovanni Battista Montinis. Bei der Schlussansprache der dritten Session des Zweiten Vatikanischen Konzils im November 1964 habe Paul VI. die Bedeutung des Marien-Kapitels in der Konstitution über die Kirche ("Lumen Gentium") betont (dieses Kapitel war auf Anregung von Kardinal Franz König in die Erklärung eingefügt worden, um Maria als "Urbild der Kirche" und "Vorbild des Glaubens" darzustellen). Benedikt XVI. stellte fest, wie sehr es Paul VI. mit seiner "lebendigen ökumenischen Sensibilität" darum gegangen sei, die Marienverehrung als Mittel der Hinwendung zu Christus zu unterstreichen.

Benedikt XVI. war am Sonntagmorgen in Rom aufgebrochen. Auf dem Flug zum Militärflughafen Ghedi wurde der Papst von Staatssekretär Gianni Letta begleitet, der für Ministerpräsident Silvio Berlusconi die Beziehungen zum Heiligen Stuhl gestaltet. Erste Station nach der Landung war der Besuch am Grab des im April vorigen Jahres heilig gesprochenen Ordensgründers und Arbeiterpriesters Arcangelo Tadini (1846-1912) in Botticino Sera. In einer improvisierten Ansprache sagte der Papst, es gehe darum, eine Welt aufzubauen, "in der jeder nicht für sich selbst, sondern für die anderen" lebt. In Brescia legte der Papst einen kurzen Stopp an der Gedenkstele für die Opfer des neofaschistischen Terroranschlags auf der Piazza della Loggia im Jahr 1974 ein. Damals waren acht Menschen getötet und zahlreiche verletzt worden.

Am Sonntagnachmittag stand ein Besuch des Papstes in Concesio, der zehn Kilometer von Brescia entfernten Heimatgemeinde Pauls VI. auf dem Programm. Dort sollte Benedikt XVI. das Geburtshaus und die Taufkirche seines Vorgängers besuchen und das neue Gebäude des "Istituto Paolo VI." segnen.

Vollender des Zweiten Vaticanums

Paul VI. führte das von seinem Vorgänger Johannes XXIII. einberufene Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) weiter und sorgte für dessen Umsetzung. Nach kurzer Tätigkeit in der Pfarrseelsorge war Montini 30 Jahre lang im Päpstlichen Staatssekretariat tätig gewesen, ab 1937 als "Substitut" und enger Vertrauter von Kardinal-Staatssekretär Eugenio Pacelli, dem späteren Pius XII. Bereits in seiner damaligen Funktion war Paul VI. ein entschiedener Gegner der totalitären Regime - auch auf Grund der Prägung durch sein Elternhaus und den Vater, der als Journalist und demokratischer Katholik engagiert war. 1954 wurde er zum Erzbischof von Mailand ernannt. Beim Konklave nach dem Tod von Johannes XXIII. galt Montini als Favorit, am 21. Juni 1963 wurde er - angeblich im fünften Wahlgang - von den Kardinälen gewählt.

Als Papst leitete Paul VI. im Zuge des Konzils zahlreiche Reformen für die Kirche ein. Die 1970 wirksam gewordene Liturgiereform trägt seinen Namen. Er verfügte eine umfassende Kurienreform und gründete zur Umsetzung der Konzilsbeschlüsse etliche neue Behörden. Außerdem leitete er eine Neufassung des Kirchenrechts ein, die erst 1983 abgeschlossen wurde. Als erster Papst der Moderne unternahm Paul VI. Auslandsreisen - u.a. nach Jerusalem, wo er mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. zusammentraf. Seine Friedens- und Sozialenzykliken erregten weltweites Aufsehen; die negative Reaktion auf sein Lehrschreiben "Humanae vitae" (1968) mit der Absage an künstliche Verhütungsmittel überschattete die letzten zehn Jahre seines Pontifikats. Seit 1992 ist ein Seligsprechungsverfahren für Paul VI. im Gang, das insbesondere von der brasilianischen und der argentinischen Bischofskonferenz gefördert wird.

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