"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das derzeitige Uni-System ist ungerecht und nicht effizient" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 06.11.2009

Graz (OTS) - Vielleicht stellen sich die protestierenden
Studenten den Uni-Betrieb so vor: "Tausende Forscher präsentieren ihre besten Experimente - live und kostenlos." So steht es im Werbeprospekt für die Lange Nacht der Forschung. Die findet morgen Abend an Hochschulstandorten im ganzen Land statt und soll Lust auf wissenschaftliches Arbeiten machen.

Was das mit den Studentenprotesten zu tun hat, liegt auf der Hand:
Unsere Gesellschaft ist darauf angewiesen, das Potenzial ihrer klügsten Köpfe zu nützen. Nicht die rauchenden Schlote, sondern die rauchenden Köpfe sichern unseren Wohlstand von morgen. Deshalb müssen wir alles tun, um beste Bedingungen für Lehre und Forschung zu garantieren.

Bis hierher dürfte Konsens herrschen. Der Stellenwert der Bildung wird von keiner Seite ernsthaft in Frage gestellt. Deshalb kann man auch jedem Hochschüler, der "bessere Studienbedingungen" verlangt, freudig zustimmen. Das Problem ist nur, dass es völlig unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, was "gute" Bedingungen für die Universitäten sind.

Das Gros der protestierenden Studenten wünscht sich Studienfreiheit zum Nulltarif - es soll also jeder alles studieren können und die besten Lehrmittel zur Verfügung haben. Das mag aus der individuellen Biografie des Einzelnen verständlich sein. Volkswirtschaftlich ist es aber das teuerste, ungerechteste und am wenigsten effiziente System. Wer das nicht glaubt, braucht sich nur aktuell die Zustände an den Universitäten ansehen. Die besondere Tragik der Proteste besteht ja darin, dass man gegen die (tatsächlich untragbaren) Folgen des freien Uni-Zugangs protestiert, an diesem freien Zugang aber festhält. Man will also die Ursache behalten, aber deren Wirkung loswerden.

Bei der aktuellen Staatsverschuldung müsste jedem Hochschüler klar sein, dass er sein Studium sowieso selbst bezahlt - entweder heute mit Gebühren oder morgen mit einer noch höheren Steuerlast. Doch im Kern geht es nicht ums Geld, sondern um die Lenkung der gewaltigen Studentenströme. Der Staat braucht dringend ein Gesamtkonzept, das für jedes Fach eine vernünftige Größenordnung an Hörern festlegt.

Die Unis wiederum brauchen Möglichkeiten, frühzeitig die Eignung ihrer Hörer zu testen. Das ist unbequem und kann im Einzelfall ungerecht sein. Aber noch ungerechter ist der status quo: Wer einen Platz im Hörsaal ergattert, hat Glück. Und wer die Aufnahmeprüfung an der Fachhochschule nicht schafft, geht an die Universität studieren.****

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