"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Das Kreuz mit der Aufklärung" (Von MICHAEL SPRENGER)

Ausgabe vom 6. November 2009

Innsbruck (OTS) - Christentum und Aufklärung bleiben auch nach dem Kruzifix-Urteil ein Paar.

An der Anzahl der Kirchenbesucher lässt sich nicht ablesen, wie gläubig eine Bevölkerung ist. Ob ein Kruzifix in einer öffentlichen Schule hängt oder nicht, wird wohl auch keinen Einfluss darauf haben, inwiefern Schüler die christlichen Tugenden der Toleranz und der Vielfalt leben. Das Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte wird auch nicht den Untergang des Abendlandes einläuten. Trotzdem ist das Urteil in kultur- und gesellschaftspolitischer Hinsicht irritierend. Bildet doch das Christentum eine der tragenden Säulen der Alten Welt. Nein, das Urteil ist deshalb nicht antieuropäisch, basiert es doch auf der zweiten Säule, jener der Aufklärung.

Die Richter in Straßburg gaben einer Italienerin Recht, die gegen das Kruzifix in staatlichen Schulen geklagt hatte. Das Urteil schreibt die europäische Aufklärung fort, weil es sich auf die Neutralität des Staates in Religionsfragen bezieht.

Das heißt jedoch nicht, dass Religion künftig nur mehr Privatsache zu sein hat. Und es besagt nicht, dass sich die Schule ignorant gegenüber christlichen Traditionen zu verhalten habe. Spiritualität, Gebete und auch das Feiern religiöser Feste in Gemeinschaft stehen nicht im Widerspruch zur Aufklärung. Sie sind Bestandteile unserer Kultur. Niemand soll und braucht seine Religiosität zu verbergen, allerdings - und darum geht es bei dem Kruzifix-Urteil - darf sie niemandem aufgezwungen werden.

Das Urteil eignet sich nicht als Anlass für geifernde Empörung. Aufgeklärte Christen wissen, wofür das Kreuz steht, sie wissen, warum sie gegen Fanatiker Stellung beziehen. Aufgeklärte Atheisten wissen um die Kraft der Toleranz und die Gefahren, die von laizistischen Eiferern ausgehen.

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