WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Wind der Krise trifft alle einmal - von Alexis Johann

Fairness ist keine Frage des rechten Glaubens, sondern der Ökonomie

Wien (OTS) - Der Kapitalismus wurde nicht vom Teufel erschaffen
und verträgt sich durchaus mit christlichen Wertvorstellungen. Wer andere lieben will wie sich selbst, der muss auch an das eigene Wohlergehen denken. So rechtfertigt der 53-jährige Katholik John Varley, Chef von Barclays, in der Kirche St. Martin-in-the-Fields in London die Boni der Branche und sein Gehalt von 1,2 Millionen Euro. Wer nicht anständig zahle, verliere die besten Köpfe. Nur gesunde Firmen schaffen Wohlstand.

An keinem anderen Ort Europas ist die Einkommensdiskrepanz und der damit verbundene Neid so groß wie in London. Aber es gibt Unterschiede auch bei uns in Mitteleuropa. Siemens-Boss Peter Löscher etwa verdiente im Jahr 2008 9,8 Millionen Euro und ist damit Gagenkaiser der DAX-Konzerne. Er erhält damit mehr als das Hundertfache seiner Mitarbeiter als Gage, weil er dafür sorgt, dass der Wohlstand seiner Aktionäre und Mitarbeiter steigt.

Nun ist Siemens in diesem Jahr immer tiefer in die Krise gerutscht -schlimmer, als Löscher zu Beginn des Jahres kommuniziert hatte. Durch Einsparungen und Entlassungen, vor allem auch in Österreich, wird nun repariert. Weil die Krise spät kam, wird Siemens in Österreich nicht in den Genuss der Konjunkturklausel kommen, die dem Konzern ermöglicht hätte, die Löhne statt um 2,2 Prozent nur um 1,4 Prozent zu erhöhen. Denn das hatten die Sozialpartner der Elektro- und Elektronikindustrie im Frühjahr vereinbart. 60 Unternehmen nahmen die Klausel in Anspruch, weil sie nachweisen konnten, dass die Umsätze ihrer Unternehmen im ersten Quartal 2009 um 15 Prozent und mehr gesunken waren. Für 16.000 Beschäftigte birgt die schlechte Nachricht, nun nachhaltig weniger Geld zu bekommen, die gute Nachricht, dass ihr Arbeitsplatz erhalten - und nicht wie bei den Siemens-Kollegen - gelöscht wurde.

Doch das gute Modell ist verbesserungsfähig: Tarifverhandlungen sollten prinzipiell Notfallklauseln haben, weil der Wind der Krise Firmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten trifft. 15 Prozent Umsatzrückgang sind in jeder Konjunkturlage ein Alarmsignal. Dabei ist aber auch ein Prinzip anzuwenden, das erst langsam Eingang in die Ökonomie findet: Reziprozität. Natürlich müssen auch Vorstandsgagen Klauseln beinhalten. Fairness ist keine Frage des rechten Glaubens, sondern der Ökonomie.

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