"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Dauerbaustelle ÖBB" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 06.11.2009

Wien (OTS) - Beim Bahnfahren kann man was erleben. Zuerst die gute Nachricht: "Mit dieser Bahnfahrt entlasten Sie unser Klima um 153,692 Kilogramm CO2", ist auf dem Onlineticket für eine Bahnfahrt Wien-Bregenz-Wien zu lesen. Das ist erfreulich.
Dann kommt es allerdings dick: Die Tickets sind nicht übertragbar, gelten nur an den angegebenen Reisetagen (und gnadenhalber auch noch jeweils am Tag danach). Wird es nicht in Anspruch genommen, verfällt es. "Wir empfehlen für Online-Tickets den Abschluss des Ticket-Storno-Schutzes der Europäischen Reiseversicherung", empfehlen die ÖBB deshalb ihren Kunden.
Nützlicher wäre kundenfreundliches Verhalten. Das schaffen die ÖBB nicht. Neue EDV-Programme kämen vermutlich zu teuer. Vielleicht wird deshalb so oft im Sommer an der Kühlung und im Winter an der Heizung gespart. Das Zugpersonal zeigt sich gegenüber einer Dame im Pelzmantel aber verständnisvoll: "Wenn Ihnen kalt ist, wechseln Sie einfach in den nächsten Wagen. Der ist besser geheizt und ohnehin fast leer."
Die Dame übersiedelt - schließlich wird sie die Fahrt noch länger genießen können. Laut Fahrplan sollte der Zug zwischen Wien und Feldkirch ja nur in Salzburg und Innsbruck halten. Der erste außerplanmäßige Stopp ist "betriebsbedingt" knapp nach Wien, der zweite in St. Pölten, der dritte, vierte und fünfte "wegen Bauarbeiten auf der Strecke" in Deutschland, der sechste und siebente jeweils knapp vor Innsbruck, die restlichen folgen danach. Bis Feldkirch kommt auf diese Weise genau eine Stunde Verspätung zusammen. Das entspricht fast genau der reinen Flugzeit von Wien nach Altenrhein oder Friedrichshafen.
Immerhin: Freundlich sind alle Mitarbeiter(innen), und an den äußeren Umständen sind sie unschuldig. Um die müsste sich das Management kümmern. Das ist aber anderweitig beschäftigt. Der Vize-Chef des Aufsichtsrats kassiert für ÖBB-Beratung 100.000 Euro. Auch der Aufsichtsratspräsident ist abgelenkt: Schließlich ist es mühsam, Belege über 1,70 Euro für einen Straßenbahnfahrschein und über 1,80 Euro für eine Portionspackung Milch zu sammeln und abzurechnen. Wie soll man sich da noch ernsthaft mit der Zukunft des maroden Unternehmens beschäftigen?
Details wie die jüngst vom Rechnungshof kritisierte Geldverschwendung beim Aufbau der Mobilkommunikation sind symptomatisch. Bei der Bestellung von Management und Aufsichtsrat wird zwar auf politische Zugehörigkeit, aber nicht unbedingt auf fachliche Kompetenz geachtet. Dementsprechend desinteressiert wirken Teile der Chefetagen. Trotzdem ist nicht alles falsch, was die Manager angehen. Das Ausdünnen von Fahrplänen und der Ersatz von "Geisterzügen" durch Autobusse haben ihre Berechtigung. Dann sollten die verbliebenen Züge aber nach Schweizer Vorbild pünktlich, sauber, verlässlich und ordentlich klimatisiert unterwegs sein.
Solange das nicht der Fall ist, braucht sich niemand wundern, wenn Kunden gar nicht erst einsteigen oder der Bahn nach schlechten Erfahrungen den Rücken kehren. An den Mitarbeiter(innen) liegt es nicht: Die wirklichen Probleme für die Dauerbaustelle ÖBB sind viel weiter oben angesiedelt.

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