"Die Presse" - Leitartikel: Afghanistan, der Friedhof der Imperien, von Thomas Seifert

Ausgabe vom 03.11.2009

Hainburger Straße 33 (OTS) - Für die USA steht am Hindukusch mehr auf dem Spiel: Es geht um die Glaubwürdigkeit als globale Macht.

Afghanistan, das ist der "gute" Krieg. Afghanistan, das ist der "notwendige" Krieg - anders als der Irak-Krieg, in den sich die USA freiwillig gestürzt haben. So lautete stets die Rhetorik von Präsident Barack Obama. Nun steht der US-Präsident vor einer der schwerwiegendsten Entscheidungen seiner noch jungen Präsidentschaft:
Soll er dem Drängen von General Stanley McChrystal, dem Kommandeur der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF), nachgeben und 40.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan schicken? Sollen die USA, die seit 2001 bereits 223 Milliarden Dollar in Afghanistan ausgegeben haben, jedes Jahr weitere 68 Milliarden Dollar (das entspricht dem vierfachen Budget der Stadt Wien) nach Afghanistan schicken? Und was wird dem US-Präsidenten wohl durch den Kopf gegangen sein, als er vergangene Woche im Luftwaffenstützpunkt Dover der Rückkehr von 18 Särgen von in Afghanistan getöteten Soldaten beiwohnte?
Matthew P. Hoh, ein hochrangiger US-Diplomat, schrieb, als er von seinem Posten in Afghanistan zurücktrat, in seinem Demissionsbrief:
"Die Toten kehren aus Afghanistan zurück und werden von ihren Hinterbliebenen in Empfang genommen, die getröstet werden müssen, dass das Opfer der verlorenen Zukunft, verloschener Liebe und zerplatzter Träume es wert war. Ich habe das Vertrauen verloren, dass solche Zusagen noch gemacht werden können."

Nach der Farce um die afghanischen Wahlen scheint es kaum noch möglich, den Amerikanern die Afghanistan-Mission weiter mit idealistischen Motiven vom Aufbau des Landes, Demokratie, Freiheit und Menschenrechten zu verkaufen. Da spricht auch die Person des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai dagegen. Er ist nach den krassen Wahlmanipulationen seiner Anhänger bei den Präsidentenwahlen in Abwandlung eines Spruchs von Otto von Bismarck nicht die gesunden Knochen eines einzigen pennsylvanischen Soldaten wert.
Doch Karzai wurde zum Präsidenten erklärt, nachdem Oppositionskandidat Abdullah aus Protest gegen die Wahlfälschungen seine Kandidatur zurückgezogen hatte. Karzai ist nun ein schwacher Präsident ohne Legitimität, beschmutzt vom flagranten Wahlbetrug und durch die grassierende Korruption seiner Entourage.
Also wird es Zeit für das Weiße Haus, die Ideale den Realitäten anzupassen, wenn es umgekehrt nicht möglich ist.
Die Geschichte hält für die USA eine Warnung bereit: Im Herbst 2011 wird es zehn Jahre her sein, dass US-Truppen ihren Fußabdruck auf afghanischem Territorium hinterlassen haben. Die Sowjets mussten nach neun Jahren und zwei Monaten gedemütigt abziehen. Sie versuchten von Dezember 1979 bis Februar 1989, mit Kampfhubschraubern, Panzern, Bomben oder dem Bau von Schulen und Straßen, Afghanistan zu unterwerfen und zu befrieden. Was, wenn es den USA ähnlich ergeht?

Das Land am Hindukusch wird von Strategen "Friedhof von Imperien" genannt: Nicht nur die Sowjets, auch die Briten, Mongolen und sogar Alexander der Große holten sich auf dem Gebiet des heutigen Afghanistan eine blutige Nase. Das Eingeständnis der Niederlage und ein Abzug der amerikanischen Truppen würden dieses Diktum des "Friedhofs von Imperien" bestätigen und den Ruf der USA als globale Führungsmacht nach dem Irak-Debakel und dem Beinahekollaps der Wall Street im September 2008 weiter ramponieren. Und für al-Qaida und deren Taliban-Sympathisanten wäre ein US-Abzug eine willkommene Propagandabotschaft. Das könnte der Bewegung des globalen Jihad, die in den vergangenen Jahren an Anziehungskraft verloren hat, wieder Strahlkraft verleihen.
Es steht also für Washington mehr auf dem Spiel als nur der Erfolg in Afghanistan.
Doch die Fehler, die gemacht wurden, sind nur mehr schwer zu korrigieren: Warum fließt weniger als ein Zehntel der von den USA eingesetzten Mittel in Schulen, Spitäler, Straßen und den Aufbau eines funktionierenden Staates? Warum hat man sich in Washington der Illusion hingegeben, in Afghanistan einen funktionierenden Zentralstaat aufbauen zu können, wo das Terrain und die ethnische Struktur eindeutig nach einem Föderalstaat verlangen? Und warum hat man nie versucht, alle Nachbarn Afghanistans - die zentralasiatischen Republiken, Pakistan und den Iran - in eine Befriedung des Landes einzubinden? Zu alledem ist es noch nicht zu spät, doch die Zeit drängt: Die US-Wählerschaft ist kriegsmüde und ungeduldig.

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